«Wir brennen allesamt für die Musik.» Die Bratschistin Miriam Manasherov über die Identität des West-Eastern Divan Orchestra

Miriam Manasherov (Foto: Meirav Kadichevski)

Sie gehören dem West-Eastern Divan Orchestra seit seiner Gründung an. Als Sie damals, 1999, davon hörten, dass Daniel Barenboim plane, ein Orchester mit Musikern aus Israel und der arabischen Welt zu bilden: Was waren Ihre ersten Gedanken?
Ich war damals achtzehn und superjung, spielte noch Violine und nicht Viola. Für mich war das eine tolle Sache, obwohl es ziemlich überstürzt zuging: Im Mai gab es die Probespiele, im Juli fand dann schon die erste Arbeitsphase statt, und zwar in Weimar, das seinerzeit Kulturhauptstadt Europas war. Wir alle wussten überhaupt nicht, was auf uns zukommen würde – für uns stand zunächst nur fest, dass Maestro Barenboim ein Orchester gründen wollte und wir mit ihm arbeiten könnten. Es war für mich das erste Mal, dass ich mit Musikern aus arabischen Ländern zu tun hatte – ich glaube, ich hatte zuvor überhaupt noch nie welche getroffen. Denn ich lebte damals noch in Israel, war dort an der Musikhochschule, und da gab es keine Gelegenheit zu einem solchen Austausch. Das klingt verrückt, denn die Grenzen zur arabischen Welt sind überall in Israel doch so nahe. Aber jetzt erst konnte ich Leuten aus dem Libanon, aus Syrien, Ägypten und all den anderen Ländern begegnen.

Wie lief das ab beim ersten Mal, bei der Gründungsphase in Weimar?
Natürlich waren beide Seiten anfangs noch vorsichtig, wir beäugten uns mit einer Art von gutwilligem Respekt. Für mich war das Schlüsselerlebnis, dass wir Israeli und Araber einander eigentlich sehr ähnlich sind: Es gab jedenfalls zwischen uns viel mehr Gemeinsamkeiten als mit den deutschen Musikern, die damals im Orchester auch noch mitspielten. Wir mochten dieselben Dinge, zum Beispiel dasselbe Essen oder dieselbe Musik (auch jenseits der Klassik). Das war eine erhellende Erfahrung. Wir lebten drei Wochen lang eng zusammen und konnten während dieser Zeit intensiv an einem einzigen Programm arbeiten. Was auch bedeutete, dass noch genügend Freiraum für anderes blieb, für Basketball oder gemeinsame Unternehmungen. Natürlich war das auch eine andere Zeit: Es gab noch kein Smartphone, und so mussten wir einfach gemeinsam die Freizeit verbringen.

Achtzehn Jahre später und mit der Erfahrung so vieler gemeinsamer Konzerte: Was hat sich geändert, was war für Sie die grösste Überraschung?
Zunächst einmal ist erstaunlich, wie sich alle musikalisch entwickelt haben. Und wie sich dabei trotzdem die Beziehungen erhalten haben – ich fühle mich den anderen noch immer eng verbunden, sie sind Teil meines Lebens, sind meine «Familie». Für viele von uns bot das West-Eastern Divan Orchestra die berühmte Erfahrung des ersten Mals: zum ersten Mal in so einem tollen Orchester zu spielen, zum ersten Mal mit Maestro Barenboim, dann natürlich die vielen neuen Freunde … Heute ist die Arbeit etwas anders: Wir gehen regelmässig auf Tour, geben zahlreiche Konzerte, und da bleibt nicht mehr so viel Zeit für andere Aktivitäten.

Glauben Sie, dass sich das Modell des West-Eastern Divan Orchestra auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen liesse oder gar ein Rezept zur Lösung politischer Konflikte bietet?
In erster Linie sind wir ein Orchester und kein politisches Projekt, und es wäre vermessen zu denken, wir könnten die Welt retten. Das Entscheidende ist, dass wir Verbindungen schaffen durch etwas, was uns gemeinsam ist, also die Musik, und dass wir nicht das Trennende betonen. Wenn man sich vornimmt, zusammen ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und sei es nur in der Interpretation eines Werks, dann hilft das immens, selbst wenn man nicht dieselbe Sprache spricht (ich kann zum Beispiel kein Arabisch). Diese Idee könnte man schon auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen: Man müsste Projekte schaffen, die verschiedene oder vielleicht sogar verfeindete Gruppen gemeinsam durchführen. Natürlich sprechen wir im Orchester auch über Politik, und da gibt es vieles, was uns trennt. Aber weil wir allesamt für die Musik brennen, lassen sich die Gräben überwinden. Man braucht also eine gemeinsame Leidenschaft, ob Kunst, Sport oder sonst etwas.

Gibt es eigentlich eine spezifische musikalische Identität des West-Eastern Divan Orchestra?
Wir haben einen besonderen, ja, einen einzigartigen Klang, obwohl wir aus so verschiedenen Ländern und Traditionen kommen. Unsere ursprüngliche Identität war einmal die vielfältige Herkunft; uns eint, dass wir dann fast alle ausserhalb unserer Heimatländer studiert haben. Und schliesslich, dass wir gemeinsam erwachsen geworden und einen Teil dieses Wegs miteinander gegangen sind. Aber der am stärksten verbindende Faktor ist der Maestro: Daniel Barenboim gibt das Klangideal vor, den vollen, grossen Sound, er hat unsere Identität ausgeprägt. Immer geht es ihm dabei um das höchstmögliche Niveau – ich halte ihn, nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit, für einen der grössten Musiker in der Welt. Bei manchen anderen Dirigenten ging es mir so, dass ich sie verehrte, weil ich zum Beispiel ihre CDs grossartig fand; aber wenn man dann gemeinsam musizierte, relativierte sich einiges. Beim Maestro ist das anders: Meine Bewunderung für ihn wächst noch immer. Nichts geschieht bei ihm grundlos, jedes Detail ist durchdacht, hat Sinn und fügt sich schliesslich in ein grosses Bild, zu einer übergeordneten Idee.

Sie sind in Israel aufgewachsen, haben dann zehn Jahre in Deutschland gelebt und sind mittlerweile wieder zurück in Ihrer Heimat: Wie hat das Ihre persönliche Identität geprägt?
Auf vielfältige Weise. Als ich Israel verliess, war ich 22 Jahre alt und hatte bis dahin in meinem Elternhaus gelebt. Nun aber war alles neu, nicht nur das Land, in dem ich lebte. Die Zwanziger sind ja generell die Zeit, in der man vieles ausprobieren kann: Man gönnt sich Freiheiten, kann aber auch seine Grenzen erproben. Ich bin wirklich dankbar, dass ich diese entscheidenden Jahre, insgesamt ein Drittel meines Lebens, in Deutschland verbringen durfte, in einem Land, in dem die Kunst eine so wichtige Rolle spielt. Ich studierte an der Musikhochschule in Lübeck und konnte dort für mich sondieren, welche Art von Musikerin ich sein wollte. Meine Lehrerin Barbara Westphal war wunderbar, die Hochschule bot die besten Bedingungen und gab uns alles, was wir brauchten, um uns selbst zu finden. Danach ging ich nach Berlin: auch das eine ganz wichtige Erfahrung, weil ich dort erstmals mit der Musik Geld verdiente.

Es gibt eine grosse Tradition jüdischer Musiker und insbesondere jüdischer Geiger. Würden Sie da von einer bestimmten Identität sprechen – oder ist das ein Phantasieprodukt?
Gute Frage … Natürlich wird einem vermittelt, dass es diese Tradition gibt, aber ich könnte nicht sagen, inwiefern sie mich beeinflusst hätte. Ich wüsste auch nicht wirklich in Worte zu fassen, was diese Schule eigentlich auszeichnet. Wenn ich im Ausland bin, sagt man mir oft: Die Musiker aus Israel spielen einfach auf einem anderen Niveau – und dann weiss ich nicht, wie ich darauf reagieren soll. Musik hat sicher immer eine wichtige Rolle gespielt im jüdischen Leben, sie ist Teil der jüdischen Identität, ähnlich wie es in Mittel- und Osteuropa die jiddische Sprache gewesen ist. Übrigens habe ich diese Sprache, bevor ich nach Deutschland zog, nicht verstanden; erst nachdem ich Deutsch gelernt hatte, wurde mir die Bedeutung vieler Wörter klar, die eine Mischung aus dem Hebräischen und dem mittelalterlichen Deutschen sind. Und auch im heutigen Deutsch gibt es noch Wendungen, die sich aus dem Jiddischen herleiten, wie der Wunsch «Einen guten Rutsch»: Das ist eine Verballhornung vom jüdischen Neujahrsfest Rosch-ha-Schana. Die Identitäten sind also durchlässig.

Interview: Susanne Stähr | Leitung Redaktion & Dramaturgie LUCERNE FESTIVAL 

Am Donnerstag, dem 17. August, interpretiert Miriam Manasherov den Bratschenpart in Richard Strauss’ Don Quixote; ihre musikalischen Partner sind dabei der Cellist Kian Soltani und das West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, Im Fokus: Künstler, Konzerte, Werke, Interview-Reihe: Identität abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *