«Identität ist eine Form des Glaubens.» Festivalintendant Michael Haefliger über das Sommer-Thema 2017

Michael Haefliger (Foto: Marco Borggreve)

Das Luzerner Sommer-Festival 2017, das am kommenden Freitag beginnt, widmet sich einem brisanten Thema: der Identität. Um welche Aspekte geht es hier vor allem?
Im Mittelpunkt steht zunächst einmal der künstlerische Aspekt: Die Musik spiegelt stets die Persönlichkeit und die Identität eines Komponisten, und oft ist sie auch ein Reflex auf gesellschaftliche Entwicklungen. Man muss nur an Béla Bartók oder Zoltán Kodály denken, die über den gesamten Balkan wanderten, in die entlegensten Dörfer, um die uralte Bauernmusik zu erforschen und aufzuzeichnen. Dadurch haben sie auch Verbindungen aufzeigen können, den Austausch zwischen verschiedenen Völkern und ihrer Musik. Ein anderes Beispiel wäre Gustav Mahler, der folkloristische Themen immer wieder ins Zentrum seiner Musik gestellt hat, von den Volksdichtungen des Wunderhorns bis zum Klezmer.
Interessant ist auch die Frage, welche Rolle der Künstler in der Gesellschaft spielt: Ist er auch ein Vordenker und Warner, der Entwicklungen voraussieht? Unsere «artiste étoile» Patricia Kopatchinskaja etwa ist nicht nur eine tolle Geigerin; sie war selbst einmal Flüchtlingskind und stellt ihre eigene Identität immer wieder auf den Prüfstand. Wo sind wir eigentlich zuhause? Viele Künstler kennen dieses Problem, obwohl sie einen festen Wohnsitz haben: Es zieht sie in die Ferne, in andere Welten, vielleicht sogar in solche, die es gar nicht gibt. Warum sonst haben sich so viele Musiker mit der Figur des Wanderers identifiziert, von Schubert über Wagner bis Mahler? «Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück», heisst es in einem Schubert-Lied …

Der Begriff «Identität» ist im Moment stark politisch aufgeladen – man denke nur an den Zustrom von Flüchtlingen oder die Debatten um Integration. Kann ein Festival hier Einfluss nehmen?
Wir wollen nicht Politik machen, aber wir weisen auf Probleme hin. Wie etwa auf die Flüchtlingsthematik: Migration gehört zur Menschheitsgeschichte, besonders in Zeiten der Krisen und der Kriege. Und das erleben wir gerade wieder. Wie gehen wir mit den Hunderttausenden um, die da zu uns kommen? Sie zurückzuschicken ist oft gar nicht möglich, also müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Hier ist nun auch die Kunst gefordert, darüber nachzudenken, wie man diese Menschen integrieren und wie man ihnen einen Halt geben kann. Deshalb führen wir mit Geflüchteten Mozarts Oper Idomeneo auf, präsentieren mit ihnen ein Projekt zu Beethovens Vierter Sinfonie und realisieren gemeinsam mit der Radioschule klipp+klang auch ein Radioprojekt mit ihnen.

Du warst selbst vor einigen Wochen in einem Flüchtlingslager im Libanon. Was hast Du dort erlebt?
Ich war in einem von der UNO betreuten Lager, zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Man spürt dort sofort, dass die Menschen ihre gesamte Existenz verloren und kaum mehr eine Chance auf Rückkehr in ihre Heimat haben – sie können nur noch hoffen, irgendwo unterzukommen und neu beginnen zu dürfen. Meist haben sie keinen Pass mehr, keine Wohnung und Arbeit sowieso nicht. An diesem Punkt fängt natürlich die Konkurrenz mit der einheimischen Bevölkerung an; das Resultat ist, dass die Flüchtlinge meist zu miesesten Konditionen irgendwo schwarzarbeiten müssen. Viele werden dabei missbraucht, etliche Frauen vergewaltigt – man kann es sich gar nicht vorstellen. Man weiss auch nicht, wie viele Menschen dort überhaupt leben, denn neben den registrierten gibt es eine hohe Zahl nicht angemeldeter Flüchtlinge. Und so kommt es, dass ein kleines Land wie der Libanon mit seinen sechs Millionen Einwohnern plötzlich zwei Millionen mehr aufnehmen muss. Wie soll eine Gesellschaft das absorbieren? Umso bemerkenswerter finde ich, wie die UNO da Struktur einzubringen und den Flüchtlingen ein Stück Menschlichkeit zurückzugeben versucht.

Und was können wir tun?
Zunächst einmal dürfen wir nicht wegschauen, wir müssen uns damit beschäftigen, auch wenn wir wissen, dass wir das Problem nicht von heute auf morgen lösen können. Grundsätzlich sollten wir diesen Menschen gegenüber Respekt aufbringen und uns bemühen, Wege zu finden: sei es, ihnen bei der Rückkehr zu helfen, falls sich die Situation in ihrer Heimat gebessert hat, sei es, sie in unsere Gesellschaften zu integrieren.

Schauen wir auf die Schweiz, auf die Schweizer Bevölkerung, die ja auch verschiedene Sprachen, Konfessionen und Kulturen repräsentiert. Gibt es da eine verbindende Identität?
Gemeinsam ist uns, dass wir eine Nation bilden. Wir haben bewiesen, dass Menschen unterschiedlicher Sprachen sehr gut zusammenleben und an einem gemeinsamen Projekt, also der Schweiz, arbeiten und deren Interessen vertreten können. Auch wenn wir nicht die grossen Fans der internationalen Verbände sind, wirken wir doch bei ihnen mit: Gerade im humanitären Bereich haben wir sogar oft eine Vorreiterrolle eingenommen – das fängt schon mit der Gründung des Roten Kreuzes an.

Identität ist keine festgefügte Grösse: Jeder Mensch verändert sich im Lauf des Lebens. Wie hat sich Deine eigene Identität gewandelt?
Ich bin vom Auslandsschweizer zum Luzerner geworden, denn ich bin ja in Berlin und München aufgewachsen und habe in New York studiert. Aber ich denke doch, dass man mich immer als Schweizer wahrgenommen hat. Schliesslich wurde ich von Schweizer Eltern erzogen, und gewisse Schweizer Bräuche und Symbole spielten bei uns schon eine wichtige Rolle, vielleicht sogar mehr als bei manchen, die immer hier gelebt haben. Meine Frau hat mich ausgelacht, als sie zum ersten Mal sah, wie ich am 1. August in Davos die Schweizer Fahne gehisst habe … Aber das hat nichts mit Nationalismus zu tun, sondern mit Freude.
Als Intendant wiederum bin ich sehr glücklich, bis heute meinen Prinzipien treu geblieben zu sein. Auf das Festival bezogen heisst das, dass wir neben einem anspruchsvollen Programm, das sich an ein breites Publikum wendet, auch die Moderne pflegen und junge Künstler fördern: Das gehört stark zu meiner Identität dazu, seit Beginn meiner Berufslaufbahn. Identität ist letztlich auch eine Form des Glaubens: ein Bekenntnis zu bestimmten Werten und Wegen, auf denen man sich selbst finden kann.

Was kann man denjenigen entgegensetzen, die das Wort Identität als Kampfbegriff zur Abschottung, zur Verfechtung nationaler oder protektionistischer Interessen missbrauchen?
Nationalismus ist die gefährliche Kehrseite der Medaille: Wird er übertrieben, wird also das Pochen auf die eigene Identität missbraucht, dann kann es zu Konflikten und Kriegen kommen. Wir müssen glücklich sein, im heutigen Europa zu leben und eine Europäische Union zu haben. Das gilt auch für die Schweiz: Selbst wenn sie nicht offizielles Mitglied ist, so bleibt sie doch stark integriert in den europäischen Prozess. Denn vergessen wir nicht: Wie ging es uns eigentlich vorher? Wie war das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als sich die Menschen aus benachbarten Staaten niedermetzelten und zu Millionen in den Tod schickten? Sich allzu sehr auf nationale Identitäten zu versteifen, ist also eine grosse Gefahr – und davor sollten wir uns hüten.

Interview: Susanne Stähr

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2 Antworten auf «Identität ist eine Form des Glaubens.» Festivalintendant Michael Haefliger über das Sommer-Thema 2017

  1. Kunz Heinz sagt:

    Wertvoll und gedanklich tief schürfend, wird in diesem Interview der Begriff der Identität auch menschlich berührend in der Kreativität musikalischen Schaffens gespiegelt.

  2. Kunz Heinz sagt:

    Wertvoll und gedanklich tief schürfend, wird hier der Begriff der Identität auch menschlich berührend in der Kreativität des musikalischen Schaffens gespiegelt.

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