«Alle sind willkommen.» Ein Gespräch mit dem Trompeter Bassam Mussad.

Foto: Mussad Bassam

Sie wurden im Sudan geboren, als Sohn ägyptischer Eltern. Was sind Ihre frühesten musikalischen Erinnerungen?
Im Sudan, wo ich aufgewachsen bin, gab es kaum Instrumentalmusik. Meine ersten musikalischen Eindrücke erhielt ich in der Kirche, im Gottesdienst, aber da wurden nicht Bach-Choräle oder so etwas gesungen, sondern afrikanische Kirchenlieder, die von der dortigen Volksmusik geprägt sind.

Sie sind Christ?
Ja, ich bin Christ. Wenn vom West-Eastern Divan Orchestra die Rede ist, denken die meisten an Juden und Muslime. Aber in unserem Orchester geht es nicht primär um Religionen, es ist ein humanistisches Projekt, und gerade unter den Musikern aus den arabischen Ländern sind einige Christen dabei.

Von der sudanesischen Kirche bis zum Sinfonieorchester ist es ein weiter Weg. Wie sind Sie zur klassischen Musik und zur Trompete gekommen?
Das geschah erst später, in Amerika. Als ich neun Jahre alt war, wanderten wir in die USA aus, wo mein Vater studieren wollte. Und dort habe ich dann begonnen, Trompete zu spielen, zunächst in der Blaskapelle. Eigentlich wollte ich viel lieber Saxophon lernen, das fand ich cool, aber am Anfang konnte ich noch nicht richtig Englisch und habe die Wörter verwechselt. So kam es, dass ich versehentlich «Trumpet» auf den Fragebogen schrieb, und erst als die Instrumente gebracht wurden, habe ich meinen Fehler bemerkt. Da war es allerdings schon zu spät, es gab kein Saxophon mehr – also musste ich bei der Trompete bleiben. Natürlich war ich traurig darüber, zunächst wollte ich sogar aufhören, aber meine Eltern bestanden darauf, dass ich das durchziehen sollte: Sie hatten schliesslich Geld für das Instrument ausgegeben. Allmählich habe ich dann die Trompete zu lieben gelernt, und heute bin ich dankbar, dass es so gelaufen ist.

Wie wurden Sie als Einwanderer damals, 1993, in den USA aufgenommen?
Für Kinder ist es nie leicht, die vertraute Umgebung zu verlassen und in einem ganz anderen Land neu beginnen zu müssen. Kinder können manchmal recht gemein sein, wenn sie merken, dass jemand anderes die Sprache nicht richtig beherrscht oder sich nicht so verhält wie alle anderen – dann wird man schnell ausgelacht. Und zwischen dem Sudan und den USA bestehen natürlich erhebliche Unterschiede, auch ökonomisch: Diese riesigen Supermärkte, wo man zwischen 50 verschiedenen Müslisorten auswählen konnte, waren für mich unglaublich. Es hat dann auch etwas gedauert, bis ich mich dort zuhause fühlte. Insgesamt habe ich in den USA zwölf Jahre gelebt und habe heute auch einen amerikanischen Pass.

Seit 2005 spielen Sie im West-Eastern Divan Orchestra, einem Orchester, das Musiker verschiedener religiöser und nationaler Identitäten vereint – auch solche, die sich etwa im Nahen Osten feindselig gegenüberstehen. Wie funktioniert da der Alltag?
Beim Musizieren selbst oder beim gemeinsamen Essen und Reisen gibt es keine Probleme. Man entdeckt schnell, dass man gar nicht so verschieden ist. Wenn wir aber Diskussionsveranstaltungen haben oder Vorträge hören und es explizit um politische Fragen geht, dann werden die verschiedenen Standpunkte doch spürbar. Allerdings muss man sagen, dass sich die Situation im Laufe der Jahre merklich verändert hat. Am Anfang gab es noch viele, die in ihrem Leben nie zuvor mit Menschen aus der «gegnerischen» Gruppe zu tun hatten, da war alles noch neu und das Klima reizbarer. Inzwischen sind viele von uns eng miteinander befreundet, über die Nationalitäten und Religionen hinweg. Die Zeit, die man miteinander verbringt, ist so intensiv, dass man sich nahekommt.

Wie ist eigentlich die Verteilung im Orchester zwischen den Gruppen der Araber und der Israeli?
Daniel Barenboim versucht nach Möglichkeit, ein Gleichgewicht zu erreichen – er möchte nicht, dass es ein israelisches Orchester mit ein paar Arabern ist oder umgekehrt. Wir teilen uns ja auch die Pulte, und dabei ist ihm wichtig, dass sich Paare aus den verschiedenen Gruppen ergeben. Natürlich kann die Besetzung von Jahr zu Jahr differieren. Es gibt auch einige Spanier im Orchester, mittlerweile sogar Musiker aus der Türkei und dem Iran. Durch die Barenboim-Said-Akademie in Berlin kommen derzeit viele junge Leute neu dazu – sie sammeln jetzt dieselben Erfahrungen, die meine Generation vor zehn, zwölf Jahren gemacht hat.

Sie sind im Hauptberuf Solo-Trompeter der Düsseldorfer Symphoniker. Im vergangenen Herbst haben Sie dort auch ein Welcome-Konzert für Flüchtlinge moderiert. In welcher Sprache eigentlich?
Auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Im Norden des Sudan ist Arabisch ja die Landessprache.

Und wie haben Sie dieses Konzert erlebt?
Als 2015 so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, haben wir uns entschieden, eine Konzertreihe für sie durchzuführen. Es kamen sehr viele, die Leute haben sich richtig gefreut und es als Chance begriffen, endlich etwas Normalität erleben zu können. Wir sind mit etlichen von ihnen in Kontakt geblieben, denn hinterher haben wir zum Kaffee eingeladen und uns mit den Besuchern unterhalten. Ich fand es wirklich erstaunlich, was für unterschiedliche Menschen das sind: Gerade bei den Syrern gibt es viele gebildete Leute, die sich auch mit klassischer Musik gut auskennen. Das Wort «Flüchtling» ist ein so pauschaler Begriff, dass man oft übersieht, welch verschiedene Schicksale und Identitäten sich dahinter verbergen. Wir hier in Europa sollten neugierig sein, diese «Neuen» kennenzulernen und etwas über sie, ihre Heimat und ihre Kultur zu erfahren.

Was haben Sie selbst sich aus Ihrer ursprünglichen Heimat bewahrt? Was ist an Ihnen noch sudanesisch?
Ganz viel, das könnte ich auch gar nicht verleugnen, selbst wenn ich es wollte. Was ich an der arabischen Kultur am meisten schätze, ist die Gastfreundschaft – die möchte ich mir auf jeden Fall bewahren. Ich mag es, Leute zu mir nach Hause einzuladen, mit ihnen zu essen und zu sprechen. Meine Wohnung soll ein Ort sein, an dem alle willkommen sind und sich wohlfühlen.

Interview: Susanne Stähr

Am Mittwoch, dem 16. August, ist Bassam Mussad als Solist mit dem West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim zu erleben: Er gestaltet den Trompetenpart in Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35. Am Klavier: Martha Argerich.

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