«Die tausend Leben der Ursula Jones» zwischen Luzern und London, Musik und Archäologie.

Foto: Dr. Ursula Jones-Strebi

Die tausend Leben der Ursula Jones heisst das jüngst erschienene Buch von Heinz Stalder über Ihre Person. Wie sehen diese tausend Leben aus?
Es hat damit angefangen, dass ich sehr gerne Archäologie studiert hätte. Doch meine Eltern sprachen sich jedoch dagegen aus und empfahlen mir, etwas zu studieren, mit dem ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. So habe ich mich damals, es war in den 1950er Jahren, für «Sprachen» entschieden. Ich bin nach Heidelberg gegangen und habe dort in einer Dolmetscherschule Deutsch, Französisch und Italienisch studiert. Meine Eltern waren froh, dass ich richtig Deutsch lernen würde. Wenn sie allerdings während der Luzerner Musikfestwochen Künstler und deutsche Freunde zu uns nach Hause einluden, dann rügte mich meine Mutter, ich solle nicht so streng Deutsch sprechen wie eine Deutsche. [*lacht*]

Danach war ich noch ein Jahr an der Dolmetscherschule in Genf und wollte im Anschluss Dolmetscherin werden. Doch es reizte mich, zusätzlich noch richtig Englisch zu lernen. Aus diesem Grund nutzte ich die Chance, als das renommierte Philharmonia Orchestra aus London 1954 in Luzern zu Gast war, und knüpfte Kontakt für einen sechsmonatigen Sprachaufenthalt im Orchesterbüro. So begleitete ich kurz darauf das Orchester mit Herbert von Karajan, der während der Festspielzeit in meinem Elternhaus ein und aus ging, in die Mailänder Scala. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in Arth-Goldau mit meinem Köfferchen wartete und in den Zug, in dem das Orchester von Zürich aus kam, einstieg. Später sass ich gemeinsam und ganz schüchtern mit Arturo Toscanini und Sergiu Celibidache in der gleichen Loge. Damit begann sozusagen alles!

Mein erstes Honorar in London betrug 4 Pfund pro Woche, doch die Ausländerbehörde befand aufgrund meiner vielen Sprachkenntnisse, dass ich schon mehr verdienen solle, und so bekam ich schlussendlich 4 Pfund und 10 Schilling pro Woche [*lacht*] … und konnte wirklich davon leben. Nach sechs Monaten wurde mir der Posten der Orchestersekretärin angeboten, und so lernte ich auch meinen Mann kennen, den Trompeter Philip Jones. Schlussendlich bin ich einige Jahre beim Orchester geblieben. Es war für mich eine sehr spannende und interessante Zeit. Denn damals arbeiteten Herbert von Karajan, Maria Callas und viele weitere grosse Künstler der Klassik mit dem Orchester zusammen.

Als ich mich dann verliebt hatte in diesen Trompeter, waren meine Eltern nicht gerade begeistert: «Ein Engländer und dann noch ein Trompeter!», hiess es. Ein Pianist oder Geiger wäre vermutlich besser gewesen. [*lacht*] Damals bin ich ziemlich schnell bei ihm eingezogen, aber es war in dieser Zeit nicht angebracht, mit einem Mann und noch unverheiratet zusammenzuleben. Ich wollte Philip aber nicht verlassen, und so hatte mir eine nette Geigerin aus dem Philharmonia Orchestra ihre Wohnadresse als Alibi zur Verfügung gestellt. Und wenn meine Eltern nach London kamen, habe ich einfach vorübergehend dort gewohnt. Ich weiss nicht, ob sie das je erfahren haben … Schlussendlich haben sie Philip als den Mann an meiner Seite akzeptiert.

Später in den 1960er Jahren griff ich dann einem jungen Kammerorchester, dem damaligen «Goldsbrough Orchestra», etwas unter die Arme. Weil niemand im Ausland den Namen des Orchesters so wirklich aussprechen konnte, änderten wir ihn zunächst einmal in English Chamber Orchestra. In den folgenden Jahren ergaben sich wunderbare Projekte, unter anderem mit Daniel Barenboim, Benjamin Britten, Mstislav Rostropowitsch und vielen mehr.

In dieser Zeit wurde auch mein Mann immer erfolgreicher, und ich wurde seine Managerin für sein Brass Ensemble. Doch während ich mit dem Orchester auf Tournee war, nutzte ich die Gelegenheit und besuchte in meinen freien Tagen Museen und Ausgrabungsstätten. So wurde ich mit 50 Jahren nochmals Studentin, doktorierte als 60-Jährige und erfüllte mir somit doch noch meinen Jugendberufswunsch.

Soviel zu meinen «tausend Leben» …

Schon als Kind sind Sie grossen Klassikstars wie Herbert von Karajan, Festivalgründer Arturo Toscanini u. a. begegnet. Wie sehr haben diese starken «Identitäten» Ihren Lebensweg geprägt?
Also für mich war das einfach normal daheim, es ging immer recht familiär bei uns zu. Herbert von Karajan etwa ging sehr gerne Schwimmen. Meine Eltern hatten im Restaurant im Lido [Anm. Redaktion: Schwimmbad in Luzern] einen fixen Tisch, und dort waren wir immer gerne beisammen. So auch Wilhelm Furtwängler. Bei ihm erinnere ich mich daran, dass er so viel Brusthaare hatte, und wenn er was gegessen hatte, blieben ihm hin und wieder ein paar kleine Krümel in seinen Brusthaaren hängen. Als Kind war das für mich unverständlich, wie ein so perfekter Künstler so essen konnte und es ihm nicht auffiel. [*lacht*]

Aber später hat es mir natürlich auch sehr geholfen, dass ich solche Künstler gekannt habe. Nicht nur bei den Orchestern, die ich managte, sondern auch bei den jungen Künstlerinnen und Künstler, die ich entdeckte und förderte.

Wenn Sie einen Blick auf die Anfänge der Luzerner Musikfestwochen werfen und sie mit dem heutigen LUCERNE FESTIVAL vergleichen: Hat sich in Ihren Augen die «Identität» des Festivals sehr verändert?
Ich denke schon, denn es ist ja viel grösser geworden: Mit dem neuen Konzerthaus und dem vielfältigen Konzertangebot. Und natürlich ist das Festival über die Jahre auch internationaler geworden, nicht nur in Bezug auf das Publikum, sondern auch bei den Orchestern, Solisten und Dirigenten. Zudem hat sich die Zusammenarbeit mit Sponsoren, die weitere Leute bringen, verstärkt, und das finde ich sehr gut. Aber dadurch wurde es auch eine Spur unpersönlicher. Denn früher wurden die Künstler im Anschluss an das Konzert zu privaten Dinners eingeladen, wo man gemütlich ass und trank und Hauskonzerte veranstaltet wurden. Heute stehen diverse Sponsorenbesuche an. Aber hier bin ich natürlich etwas subjektiv. [*lacht*] Es ist ein schöner Ort, ich komme sehr gerne hierher …

LUCERNE FESTIVAL Eröffnungsanlass, 11. August 2017

Ihnen wurde von Königin Elizabeth II. für Ihre «Services in Music» der Orden of the British Empire verliehen, zudem als höchste Auszeichnung der Stadt Luzern die Ehrennadel. Wo fühlt sich Ihre eigene «Identität» mehr Zuhause?
Ich fühle mich in London schon mehr daheim als hier in Luzern. Seit 1954 lebe ich in England, komme aber immer wieder sehr gerne zurück. In London ist vieles anders und ich fühle mich dort einfach freier, denn man kann sowohl sehr für sich im Privaten als auch total in der Gesellschaft sein. Das schätze ich sehr.

Ich liebe natürlich die Berge, und Luzern ist eine wunderschöne Stadt, hier spüre ich meine Wurzeln. Aber meine Heimat ist für mich London. Man spürt und schätzt allerdings auch die Unterschiede. So sind die Schweizer einfach praktischer veranlagt. Insbesondere die Sprachenvielfalt hat mir in meinen Jugendjahren in London sehr geholfen, während man damals in London kaum eine weitere Fremdsprache lernte, weil Englisch doch als «die Sprache der Welt» galt … und es ja auch immer noch ist.

Interview geführt von Jacqueline Saner | LUCERNE FESTIVAL

Ab sofort erhältlich!

«Die tausend Leben der Ursula Jones»
Zwischen Luzern und London, Musik und Archäologie

Heinz Stalder (Autor)

In Ursula Jones’ Elternhaus gingen Grössen der Musik ein und aus: Furtwängler, Karajan, Strauss, Stokowski. Ihre Eltern waren die Luzerner Kulturmäzene Maria und Walter Strebi, er Mitbegründer des heutigen Lucerne Festival, sie die Schwester des Malers Hans Erni. Als junge Übersetzerin verlässt Ursula Jones Luzern und beginnt in London als Sekretärin des Philharmonia Orchestra eine Karriere im Musikgeschäft. Später gründet sie das English Chamber Orchestra und wird zur international einflussreichsten Schweizer Förderin junger Talente in der klassischen Musik: Daniel Barenboim, Pinchas Zukerman, Jacqueline du Pré und vielen anderen verhalf sie zu Weltruhm. Auf dem Gipfel ihres Erfolgs beginnt Ursula Jones ein Archäologiestudium und promoviert mit 60 Jahren. Heinz Stalder erzählt das anekdotenreiche Leben dieser rastlosen Frau.

Mit einem Vorwort von Daniel Barenboim.

 

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