«Identität muss man erst entwickeln.» Ein Gespräch mit «artiste étoile» Patricia Kopatchinskaja

Foto: Patricia Kopatchinskaja © Eric Melzer

Sie wurden in der Sowjetunion geboren, in der Moldauischen Sowjetrepublik, dem heutigen Moldawien. Wenn Sie an das Land Ihrer Kindheit zurückdenken – was ist Ihnen vor allem in Erinnerung?
Ich erinnere mich an das Gefühl von Geborgenheit. Die Klänge, die mir in den Sinn kommen, waren sehr dörflich: Wir hatten Hühner und Hunde auf dem Hof, die Kinder spielten auf der Strasse, und nirgendwo waren Fluglärm oder Geräusche von Autos zu hören. Vor allem ist mir die schöne Stimme meiner Grossmutter in Erinnerung: Sie hat immer gesungen, selbst wenn sie nähte oder webte. Die Musik war ohnehin ein Teil des Alltags, auch bei so normalen Menschen wie meinen Grosseltern, bei denen ich aufwuchs. Mein Grossvater war Veterinär, meine Grossmutter war zuhause und webte Teppiche.

Als Sie dreizehn waren, emigrierte Ihre Familie nach Österreich. Was waren die Gründe?
Es war die Zeit der Wende, als der Eiserne Vorhang fiel. Niemand wusste damals, was uns erwartet, und viele sagten sich: Nichts wie weg hier! Als sich die Grenze endlich geöffnet hatte, war für meine Eltern als Musiker ohnehin klar, dass sie diese Gelegenheit nutzen wollten. Denn sie hofften auf Freiheit und die Chance, in verschiedenen Ländern auftreten zu können. Für die Sowjetunion waren die Jahre nach der Wende wohl die schlimmsten überhaupt, es waren Hungerjahre. Das alte Regime lag in Trümmern, aber etwas Neues gab es noch nicht, nur ein Loch. Viele junge Menschen sind an dieser Situation zerbrochen, weil sie ihre Träume nicht verwirklichen konnten. Ich gehörte zu den Glücklichen, die auf die fruchtbarste Erde überhaupt gelangten, nach Wien, wo überall die Musik spielte.

Wie wurden Sie dort empfangen, wie haben Sie diese für Sie neue Welt erlebt?
Am Anfang war alles noch sehr ungewiss, und wir hatten eine schwierige Zeit, denn wir lebten in einem Flüchtlingslager. Aber was die Ausbildung anging, so hätte mir nichts Besseres passieren können. Nach einer Weile erhielt ich ein Stipendium, und mir wurde klar, dass nur ich allein mir helfen kann, dass fortan alles von mir selbst abhing. Natürlich gab es traumatische Erlebnisse, das fundamentale Gefühl der Unsicherheit und Einsamkeit etwa, aber ich konnte durch die Bewältigung dieser Krise eine Kraft entwickeln, wie es für Kinder aus wohlhabenden Familien kaum möglich ist.

Wien war natürlich eine neue Welt: der unglaubliche Konsum, die neue Sprache, ganz andere Gesichtsausdrücke. Und es war auch ein Kulturschock. Die Menschen gingen höflich miteinander um, aber nicht immer ehrlich. Das fängt schon an mit der simplen Frage «Wie geht es dir?»: Selten ist sie ernstgemeint. Wir als Moldawier wüssten schon, was wir auf eine solche Frage antworten sollten, aber das wäre in Wien nicht opportun gewesen. Für mich als Kind war das sehr interessant, weil ich so die Vielschichtigkeit der Existenz kennenlernen konnte.

In Wien habe ich auch Komposition studiert, das hat mich für meinen Beruf als Musikerin am meisten geprägt. Dadurch habe ich gelernt, aus dem Inneren der Stücke heraus zu denken. Die Zweite Wiener Schule − Schönberg, Webern und Berg − habe ich dort genau kennengelernt und damit den Weg in die Moderne. Als Geigerin freue ich mich deshalb besonders, wenn ich Stücke von heute spielen kann. Das ist meine neue Heimat geworden.

Mittlerweile leben Sie seit bald 20 Jahren in Bern …
Bern ist eine sehr freundliche Stadt, ich habe dort nur nette Leute kennengelernt und auch die grössten Chancen erhalten. Man muss sich überlegen: Ich war Studentin und durfte mein Examenskonzert schon mit dem Berner Symphonie-Orchester spielen! Es gibt dort keine Heuchelei, man darf das, was gesagt wird, für bare Münze nehmen. Ich liebe die Schweiz dafür, sie kommt mir insofern ein wenig wie Moldawien vor – die Prinzipien sind gleich.

In welcher Sprache träumen Sie eigentlich?
Gute Frage … In verschiedenen. Sogar bei meiner Tochter merke ich noch, dass sie mal auf Russisch, mal auf Moldawisch und dann wieder auf Schweizerdeutsch träumt. Bei mir selbst passiert es manchmal auch auf Rumänisch, das war meine erste Sprache, die ich mit meinen Grosseltern gesprochen habe.

Was bedeutet Ihre Herkunft für Ihre Identität als Interpretin?
Ich zähle es zu meinem grössten Glück, dass ich aus so einer reichen Tradition wie der moldawischen schöpfen kann. Die Folklore, die Volkskunst, ist ein Schatz, den wir weitergeben müssen. Und sie ist bedroht, sie geht in der Globalisierung verloren – also müssen wir sie schützen. Ich liebe all diese kleinen handgemachten Dinge, bei denen man die Herkunft noch erkennen kann. Heute ist doch alles normiert, bis zur Grösse der Banane.

Wie würden Sie «Identität» definieren?
Identität heisst für mich, einen eigenen Weg, eine eigene Sprache zu finden, in jedem Stück. Man darf sich nicht beeinflussen lassen, weder von Kritikern, noch von irgendwelchen «Traditionen», die vielleicht gar nicht richtig sind. Viel besser ist es, eine individuelle Sicht auf die Dinge zu entwickeln. Und dabei die Ohren nicht zu verstopfen, sondern ganz offen zu bleiben. Paradox gesagt: Das Geheimnis der Identität ist vielleicht, dass man gar keine hat, sondern sie erst entwickeln muss. Das gilt auch für die Migranten, die sich in eine neue Gesellschaft finden müssen, ohne dabei ihre Träume zu verlieren.

Als «artiste étoile» dieses Sommers präsentieren Sie mit dem inszenierten Konzert «Dies irae» auch ein Projekt, zu dem Sie Probleme wie die Klimaerwärmung und der Kampf um Ressourcen angeregt haben. Glauben Sie, dass man mit der Musik, mit klassischer Musik, politisch wirken kann?
Es geht mir darum, dass wir Musiker Stellung beziehen müssen zu dem, was passiert. Denken wir nur an das, was Donald Trump gerade mit den Klimaverträgen gemacht hat – das ist einfach haarsträubend. Wir können uns nicht darauf beschränken, nur Mozart und Haydn spielen – nein, wir müssen damit eine aktuelle Aussage verbinden und in die Zukunft sehen.

Wenn Sie auf die aktuelle Flüchtlingskrise blicken: Was wünschen Sie sich von den reichen europäischen Ländern?
Endlich zu erkennen, dass es keine «Insel der Seligen» mehr gibt und dass wir diese Welt nicht mehr lange haben, wenn wir uns nicht ändern. Das Flüchtlingsproblem ist nicht zuletzt ein Resultat des Klimawandels. Denn der Klimawandel führt zu Dürre, Dürre zu Hunger, Hunger zu Aggression. Unruhen und Kriege entstehen, wenn sich Menschen nicht mehr versorgen können – dann flüchten sie und brechen in Regionen auf, wo angeblich noch alles gut ist. Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir an die Wurzeln des Übels gehen, und das ist das Klima. Viele Politiker nehmen das Thema nicht ernst genug, betrachten die Forscher gar als Scharlatane. Und das macht mir Angst. Wir Musiker müssen die Bühne, auf der wir auftreten, auch dazu nutzen, um etwas zu sagen mit unserer Arbeit. Spätestens seitdem ich Mutter geworden bin, treibt mich die Frage um: Was hinterlassen wir eigentlich auf dieser Erde, die wir so schrecklich geplündert haben? Über uns hängt ein Damoklesschwert, und wir merken es nicht einmal. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat gesagt, es bleiben uns vielleicht noch fünfzig Jahre, um effektiv etwas unternehmen zu können. Diese Zeit müssen wir nutzen.

Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist «artiste étoile» des Luzerner Sommer-Festivals 2017. Am kommenden Sonntag interpretiert sie Heinz Holligers Violinkonzert «Hommage à Louis Soutter».

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