Propheten, Prediger und Regelbrecher. Der Pianist Sergej Redkin über russische Musik und Identität

Sergej Redkin

Wenn Sie auf die russische Musikgeschichte schauen: Von welchem Komponisten würden Sie sagen, er ist der Russischste von allen – und warum?
Der erste Name, der mir da in den Sinn kommt, ist – natürlich – Modest Mussorgsky, aus etlichen Gründen. Ich denke, dass er in allem, was er komponierte, absolut russisch und auch einzigartig ist, vom ersten bis zum letzten Takt. Doch trotz der Urtümlichkeit und Radikalität seiner Klangsprache ist seine Musik zugleich kunstfertig genug, um es mit den besten westlichen Komponisten seiner Zeit aufnehmen zu können.

Was sind für Sie Kennzeichen der russischen Klangsprache, der russischen Identität in der Musik?
Ich könnte jetzt eine Reihe technischer Aspekte nennen: zum Beispiel, dass im harmonischen Verlauf die Subdominanten häufiger Verwendung finden als die Dominanten; dass die Werke öfter in Moll als in Dur stehen; oder dass es einen freien Umgang mit den metrischen und rhythmischen Strukturen gibt, mit der Tendenz, alles Regelmässige zu vermeiden. Aber in erster Linie glaube ich, dass es in der russischen Musik immer um die Melodie geht. Sogar der russische Zugang zur Polyphonie bestätigt das: Es gibt immer eine Melodie, hinter die alle anderen Stimmen zurücktreten. Und noch etwas: Musik war in Russland stets mehr als nur Musik, sie blieb nie l’art pour l’art. Die Komponisten wurden zumindest auch als Prediger wahrgenommen, wenn nicht gar als Propheten. Genau deshalb werden musikalische Werke in Russland auch nicht als Reihung genialer Klangfolgen begriffen, sondern als persönliches Bekenntnis, mit dem die Komponisten die ewigen Fragen der Kultur, Philosophie, Religion und Geschichte zu beantworten versuchen.

Gibt es heute eigentlich noch so etwas wie die vielgepriesene russische Klavierschule – oder hat sich das in unserer Zeit der Globalisierung erübrigt?
Ja, alles vermischt sich heutzutage, und es ist wirklich nicht einfach, die jungen Pianisten nach Schulen einzuteilen. Doch wieder sind es die kleinen Details, die den Unterschied machen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die meisten russischen Pianisten werden bei bestimmten Passagen ein rallentando spielen, wo etwa ihre französischen Kollegen im gleichen Tempo fortfahren. Oder: Der Russe wird dort das Pedal zum Einsatz bringen, wo der Deutsche lieber darauf verzichtet. Aber letztlich sind diese Dinge gar nicht so wichtig, glaube ich. Viel interessanter und heikler ist die Definition, was die russische Klavierschule überhaupt ist. Wenn man zehn Pianisten danach fragen würde, dann erhielte man garantiert zehn verschiedene Antworten. Denn zunächst einmal ist die russische Schule vielfältig, wie auch die russische Musikgeschichte eine Tradition der Vielfältigkeit ist, der Individuen, die ihrerseits immer wieder und bewusst die Regeln gebrochen haben. Was ich viel lieber rühmen würde, ist das russische Ausbildungssystem, das einfach unglaublich gut ist.

In welcher Tradition sehen Sie sich selbst?
Ich bekomme öfter zu hören, dass ich ziemlich typisch für die St. Petersburger Schule sei – nun, das schmeichelt mir natürlich sehr …

Welche Rolle spielt die klassische Musik in der gegenwärtigen russischen Gesellschaft? Was unterscheidet Ihrer Erfahrung nach das russische Musikleben vom westlichen? Oder auch das russische Publikum vom westlichen?
In Russland gibt es eine erstaunliche Generation älterer Musikliebhaber, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, wo die klassische Musik noch eine grosse Rolle im Kulturleben und in der Gesellschaft spielte. An jeder Schule gab es damals Musikunterricht auf bemerkenswertem Niveau. Wir können uns also an diesem Teil des Publikums erfreuen, der mehr Details hört und ein besseres Verständnis mitbringt. Auf der anderen Seite sind genau dieselben Leute aber auch harte Kritiker, das heisst, wir tragen ihnen gegenüber eine höhere Verantwortung. Mittlerweile allerdings hat sich die Lage der klassischen Musik in Russland und im Westen angenähert, denke ich. Es geht ihr nicht schlecht, sie hat noch guten Zuspruch, aber manche der Jüngeren haben etwas Angst vor ihr, sie glauben, das sei etwas allzu Kompliziertes oder Unverständliches. Deshalb ist es für mich immer eine besondere Freude, wenn ich nach meinen Konzerten von Besuchern aus meiner eigenen Generation ein positives Feedback erhalte.

Sie haben schon früh mit Valery Gergiev zusammengearbeitet: Wie würden Sie seine Stellung im russischen Musikleben beschreiben? Und was macht seine künstlerische Identität aus?
Meine Antwort fällt etwas schlicht aus: Maestro Gergiev und sein Orchester spielen wie sonst niemand, sie realisieren Projekte wie keiner ausser ihnen. Als ich 2004 erstmals nach St. Petersburg kam – ich war zwölf Jahre alt –, war ich völlig perplex, als ich das Repertoire am Mariinsky-Theater sah. Damals dirigierte der Maestro gerade Wagners Ring des Nibelungen, und ich war jeden Abend dabei, immer im dritten Rang, direkt unter dem Dach. Danach durfte ich dann seine grossen Zyklen miterleben: sämtliche Sinfonien von Mahler und Schostakowitsch, alle Prokofjew-Opern … Überhaupt Prokofjew: Den hat er im vergangenen Jahr mit einem unglaublichen Marathon gewürdigt, der alle Sinfonien, zwei Oratorien sowie alle Klavierkonzerte und -sonaten umfasste. Und dann gibt es noch etwas, das wirklich grossartig an Maestro Gergiev ist: Er gewährt jungen Künstlern wie mir und vielen, vielen anderen riesige Chancen und lässt uns mit diesem wunderbaren Orchester und in berühmten Konzertsälen auftreten.

Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Am kommenden Freitag, dem 1. September, dirigiert Valery Gergiev am Pult des Mariinsky Orchestra einen reinen Mussorgsky-Abend. Tags darauf, am 2. September, bringt er sämtliche Klavierkonzerte Sergej Prokofjews zur Aufführung. Sergej Redkin übernimmt den Solopart in den Klavierkonzerten Nr. 4 und 5.

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