«Es geht um Momente des Aussergewöhnlichen.» Fünf Fragen zum Festivalthema «Identität» an Matthias Pintscher

Matthias Pintscher (Foto: Manuela Jans)

Sie sind als Dirigent ebenso erfolgreich wie als Komponist. Wie beschreiben Sie selbst Ihre künstlerische Identität angesichts dieser Doppelexistenz?
Das ist eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird und die ich mir auch selbst immer wieder stelle, ohne eine eindeutige Antwort darauf zu finden. Denn ich kann meine verschiedenen Identitäten ja nicht einfach voneinander trennen und angeben, zu wieviel Prozent ich Dirigent bin und zu wieviel Prozent Komponist.
Besser gefällt mir die Vorstellung eines kompletten Musikers, wobei den unterschiedlichen Aspekten meines Tuns in den einzelnen Lebensabschnitten verschiedenes Gewicht zukommt. Ich bin ja auch noch Hochschulprofessor, leite in Paris das Ensemble intercontemporain und komme im Sommer als Principal Conductor der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY nach Luzern − all das fliesst ein in den Pool der musikalischen Kommunikation. Selbst das Zusammenstellen von Konzertprogrammen (eine überaus kreative Tätigkeit!) gehört dazu. Momentan überwiegt wohl das Dirigieren, wobei ich mich immer des Komponierens rückversichere, das mich ja erst zum Dirigieren gebracht hat. Ich lerne durch das Komponieren viel für meine Tätigkeit als Dirigent − und andersherum. Heute schreibe ich beispielsweise viel ökonomischer als früher. Warum muss man es kompliziert notieren, wenn es auch einfacher geht? Meinen Studenten sage ich immer: Das lernt man nur durch Erfahrung, dafür gibt’s keine Pille.

Damit beide Sphären zu ihrem Recht kommen, bedarf es sicherlich eines gewissen Masses an Organisation. Anders gefragt: Reservieren Sie, wie einst Gustav Mahler, die Sommermonate fürs Komponieren?
Während der Spielzeit bleibt mir zwischen den Konzerten immer nur wenig Freiraum. Früher habe ich zuerst einen Kaffee getrunken, dann noch einen … und irgendwann mit dem Komponieren begonnen. Heute fehlt mir für solche Rituale einfach der Luxus der Zeit, aber das inspiriert mich, und ein grösseres Werk pro Jahr liegt auch jetzt noch drin. Ich versuche, dafür die Sommermonate – genauer: Juni und Juli − möglichst frei zu halten. Insofern ist der Hinweis auf Mahler schon richtig, auch wenn ich meine «Primetime» in New York verbringe und nicht in den österreichischen Bergen. Ich habe Mahlers Komponierhütte in Toblach übrigens im vergangenen Jahr besucht: Es ist schon beeindruckend, wie er in dieser kleinen, denkbar einfachen Behausung seine grossen Sinfonien komponiert hat!

Dieser Rückzug in die Komponierhütte war ja auch eine Form der Selbstbesinnung: In den Spielzeiten nahm Mahler als Dirigent die unterschiedlichsten Einflüsse auf, im Sommer liess er sie produktiv werden. Wie sehen Sie das Verhältnis von Offenheit und bewusstem Rückzug im kreativen Prozess?
Das Verhältnis von Nähe und Abstand ist ganz wichtig. Das betrifft die Werke, die ich dirigiere, aber auch klangliche, akustische Phänomene. Da sind zum Beispiel die grossen Orchester, die ganz unterschiedlich klingen, eine eigene Identität besitzen. Ebenso die verschiedenen Konzertsäle: Die Akustik der neuen Hamburger Elbphilharmonie etwa ist für das 21. Jahrhundert konzipiert. Als Interpret kann man hier nicht einfach nur sein Programm spielen, man muss sich einrichten, muss die ungeheuren akustischen Potentiale dieses Saals nutzen. Das ist ein Bereich, bei dem die Sprache versagt, bei dem allein das Ohr zählt – und der wohl noch mehr Einfluss auf meine kompositorische Arbeit hat als die unterschiedlichen Partituren, die ich zur Aufführung bringe.

Offenheit und Abschliessung: Das betrifft aber auch die Werke selbst. Man sollte als Komponist mehr Vertrauen in die Interpreten haben und nicht alles genau vorschreiben. Die Musik darf sich ruhig anpassen, darf offen sein für das, was die Musiker mit ihr machen – immer auf der Grundlage des Notentextes natürlich. Selbst für ganz frische Partituren kann sich innerhalb weniger Aufführungen eine Art Tradition etablieren, zumal sich die Interpreten die vorangegangenen Konzerte heute auf YouTube anschauen können. Solche Phänomene interessieren mich sehr: Die Komplexität all dessen, was mit dem Musik-Machen zusammenhängt, dient als Folie für mein eigenes Schreiben, für meine Identität als Komponist.

Sie sprachen von den spezifischen Klangidentitäten unterschiedlicher Orchester. Gibt es so etwas auch bei der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY, bei der ein Grossteil der Teilnehmer ja Sommer für Sommer wechselt?
Ja, das gibt es. Besonders eindrücklich habe ich das im März 2016 beim Gedenkkonzert für den Academy-Gründer Pierre Boulez erfahren: Wir hatten gerade einmal zwei Tage Zeit, um ein Riesenprogramm einzustudieren, das u. a. Bergs Drei Orchesterstücke und Strawinskys Le Sacre du printemps umfasste. Und doch war sofort diese spezifische Academy-Identität da. Das liegt nicht einfach − wie oft gesagt wird − daran, dass sich in der Academy junge Musiker versammeln, die glühen, die mit Leidenschaft spielen, die im Konzert auf der Stuhlkante sitzen. All das stimmt zwar, aber entscheidend ist etwas anderes: Die Akademisten kommen mit einem gereiften Verständnis für die zeitgenössische Musik hierher und mit dem Bedürfnis, sie bestmöglich aufzuführen. Diesem Anspruch wollen sie gerecht werden. Sie erhalten bei uns in Luzern nicht einfach die Möglichkeit, ihr Repertoire zu erweitern – diese jungen Musiker haben sich vielmehr allesamt schon längst zur Moderne bekannt und widmen sich ihr mit immenser Kompetenz.

Identität ist momentan ein politisch stark aufgeladener Begriff, insbesondere wenn es um Themen wie Globalisierung oder Migration geht. Offenheit und Neugier – das sind Haltungen, die in Frage gestellt und angefeindet werden. Wie sehen Sie die Zukunft der Musik in diesem Kontext?
Ich habe einfach noch mehr Mut, denn ich glaube daran, dass Musik Menschen berührt, seit jeher. Musik wirkt viel unmittelbarer als das Wort, auch als das Visuelle. Klar, die digitale Welt hat vieles verändert: Man ist mit einer Unmenge von Angeboten konfrontiert, klickt vieles einfach weg. Und im Vorfeld eine Karte für ein bestimmtes Konzert zu kaufen, scheint vielen nicht mehr zeitgemäss. Aber genau um solche Momente des Aussergewöhnlichen, wie wir sie in einem Konzert erleben, muss es gehen: Wir lassen uns auf die Musik ein, ohne durch ein Telefonat unterbrochen zu werden. Wir liefern uns der fliessenden Zeit aus, die ein anderer künstlerisch gestaltet hat und deren Ablauf wir nicht beeinflussen können − wie das der Fall wäre, wenn wir bloss eine CD hören oder ein Video anschauen würden. Ich bin überzeugt, dass man Musik nicht erklären kann, dass jeder für sich diese aussergewöhnliche Erfahrung machen muss, die sich nicht nivellieren lässt, die losgelöst ist von politischen Kontexten. Ich versuche, solche Momente möglich zu machen, und verstehe mich dabei als Kommunikator zwischen den Welten − zwischen Europa und den USA, zwischen den Sphären des Komponierens und des Dirigierens. Ich sehe darin keinen politischen Akt, sondern begreife Musik als etwas eminent Subjektives.

Die Fragen stellte Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Matthias Pintscher ist «Principal Conductor» der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY: Am 28. August dirigiert er hier die Schweizer Erstaufführung von Friedrich Cerhas vollständigem «Spiegel»-Zyklus. Am 2. September hebt er drei neue Werke von Lisa Streich, Matthew Kaner und Luca Francesconi aus der Taufe – und kombiniert sie mit Béla Bartóks Ballettmusik «Der holzgeschnitzte Prinz»

Nach ihren Luzerner Auftritten gehen Pintscher und das Orchester der dann auf Tournee: Am 3. September gastieren sie in der Kölner Philharmonie, tags darauf in der Hamburger Elbphilharmonie.

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