«Einheit in der Vielfalt.» Daniele Gatti über die europäische Identität

Daniele Gatti (Foto: Anne Dokter)

Rückkehr zu Nationalismen und Grenzschliessungen, Euro-Ärger und der Brexit: Die Europäische Union (EU) sieht sich derzeit mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert. In dieser Atmosphäre realisiert das Royal Concertgebouw Orchestra (RCO) gegenwärtig das Projekt «RCO meets Europe».

Bis Dezember 2018 bereisen die Amsterdamer mit ihrem Chefdirigenten Daniele Gatti alle 28 Mitgliedsstaaten der EU, auch Grossbritannien. Im Zentrum stehen Kooperationen mit Jugendorchestern vor Ort. Diese Initiative wurde ursprünglich geboren, als die EU gerade mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war. Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission, ist Schirmherr des Projekts. Marco Frei hat sich mit Daniele Gatti über das Vorhaben unterhalten. Und über die europäische Identität.

Herr Gatti, welchen Zweck verfolgt das Projekt «RCO meets Europe»?
Gleich mehrere. Zunächst möchten wir mit diesem Projekt die europäische Identität in ihrer Vielstimmigkeit betonen. Wie schon Jan Raes, unser Orchestermanager, der das Projekt ganz wesentlich vorangebracht hat, richtig sagte: Europa ist ein einmaliges Mosaik der Kulturen. Im Laufe der vergangenen 1.200 Jahre wurde hier eine Art «Polyphonie» entwickelt, ein Wechsel- und Zusammenspiel unterschiedlicher Stimmen. Das Sinfonieorchester an sich und all die Meisterwerke, die für diesen Klangkörper geschrieben wurden, zählen zu den grössten kulturellen Errungenschaften überhaupt.

Was folgt daraus? Welche Konsequenzen hat das?
Im Laufe der Geschichte haben Krisen immer wieder am Selbstverständnis Europas gerüttelt oder es gar gebrochen, bis in die jüngste Gegenwart hinein. Unser gemeinsames kulturelles Erbe kann hier ein Gegengewicht schaffen, gerade durch die Musik. Musik kann helfen, dass Menschen Gedanken, Ideen und Emotionen teilen. Die Erfahrung eines Konzerts kann Menschen zusammenführen und binden.

Der deutsch-jüdische Musikpublizist Paul Bekker, ein wichtiger Wegbereiter der modernen Musiksoziologie, hat einst von «Gefühlsgemeinschaften» gesprochen.
Mir gefällt das Bild einer «Einheit in der Vielfalt» etwas besser, wie wir es mit dem Projekt «RCO meets Europe» leben. Genau dafür steht ja die Orchestermusik in besonderem Masse, und vor dem Hintergrund der aktuellen politischen sowie wirtschaftlichen Herausforderungen sollten wir das einende Europa als geniale Erfindung zelebrieren. Sie erlaubt es uns, eine einzelne Idee durch mehrere Stimmen auszudrücken, was uns zahllose Möglichkeiten für die Zukunft eröffnet. Aber es gab und gibt noch weitere Motive für unser Projekt …

Nämlich?
Es ist aus dem Umstand geboren worden, dass die Orchester heute die Möglichkeit haben, auf der ganzen Welt aufzutreten. Zudem kann man ihnen – dank Internet und Social Media − von überall aus folgen, d. h. die Orchester können direkten Kontakt halten zum Rest der Welt. Bei unserem Projekt kommt hinzu: In jedem Land der EU gibt es junge Musiker, die mit uns gemeinsam auf dem Podium spielen. Das hat eine geradezu symbolische Bedeutung, denn wir müssen die Herzen der jungen Leute erreichen, um auch ihre Sicht zu verstehen. Wie probt ein junger Musiker in Ungarn für dieses gemeinsame Projekt? Wie erlebt er das?

Wobei die Niveaus der Ausbildung sowie die Bedingungen und Mentalitäten in den Ländern höchst unterschiedlich sind, oder?
Ich bin nicht so sehr am musikalischen Endresultat interessiert, sondern am zwischenmenschlichen Ergebnis. Wir werden vielleicht auf verschiedene Niveaus stossen, auf junge Musiker, die unterschiedlich gut vorbereitet sind, aber das interessiert mich nicht. Für mich persönlich ist vor allem wichtig, diesen jungen Musikern ein einmaliges Erlebnis in ihrem Studentenleben zu bieten. Sie haben die Möglichkeit, neben den RCO-Musikern zu sitzen und mit ihnen gemeinsam zu spielen: ein Orchester, das sie hoffentlich schätzen und das sie inspiriert. Die gemeinsame Zeit soll unvergesslich für sie sein.

Mit dem Europa-Projekt gastierten Sie auch in Ihrer Heimat Italien, und zwar in Turin. Warum haben Sie nicht auch in Süditalien Halt gemacht, wo die wirtschaftliche und soziale Situation ungleich schwieriger ist und die Opern- und Orchesterkrise der vergangenen Jahre besonders stark grassierte?
Natürlich wäre das schön gewesen, aber in der Regel gibt es nur ein Projekt dieser Art pro EU-Mitgliedsland. Und gestatten Sie mir ein Wort zur «Opern- und Orchesterkrise in Italien»: Wir Italiener könnten aufmerksamer und umsichtiger mit dem musikalischen Erbe umgehen, ja. Ich kann aber für mich nicht feststellen, dass mich mein Land als Musiker vernachlässigt hätte. Im Gegenteil: Italien hat mir geholfen. Ich kann und würde nie etwas gegen meine Heimat sagen, weil ich auch musikalisch aus Italien stamme. Meine eigentliche Kritik setzt woanders an.

Wie meinen Sie das?
Wir haben vielleicht die schönsten Theater der Welt, selbst in den kleinsten Orten der Provinz. Das sind kleine, versteckte Schätze, und Italien zählt überdies zu den meistbesuchten Ländern der Erde. Natürlich verteidige ich immer unsere kulturellen Wurzeln, aber: Man kann nur drei, vier grosse Bühnen von internationalem Rang in Italien haben. Gross heisst übrigens nicht nur, einzig Verdi, Puccini oder Rossini aufzuführen, sondern ebenso Mozart, Wagner oder Strauss.

Und natürlich die zeitgenössische Musik, oder?
Absolut! In der letzten Zeit höre ich viele Menschen in Italien von der italienischen Tradition und der italienischen Oper reden: die italienische Musik und sonst gar nichts, basta! Fraglos hat die italienische Musik einen hohen Wert. Es ist richtig und wichtig, sie zu unterstützen, aber wir dürfen nicht provinziell sein. Unsere Musikkultur ist vor allem die Oper und nicht so sehr die Sinfonik, das ist eine Tatsache. Wir haben eine riesige lyrische Tradition, aber dieses lyrische Erbe ist eben nicht allein auf Italien beschränkt.

Was folgern Sie daraus?
Italien hat stets die Türen geöffnet für Musiker und Sänger aus anderen Ländern, wie es die anderen Nationen umgekehrt für Italiener taten. Ich habe in Italien studiert, und ich kann sagen, dass die Ausbildung dort vielleicht ernsthafter ist als anderswo. Um zu dirigieren, habe ich zehn Jahre lang Komposition studiert. Ich glaube nicht, dass es ein Land auf dieser Welt gibt, das den Dirigenten ein derartiges Studium abverlangt. Wir haben in Italien auch ein beachtliches Erbe an Sängern, Musikern und Dirigenten, die im internationalen Musikleben eine zentrale Rolle spielten und spielen, angefangen mit Arturo Toscanini. Diese Persönlichkeiten haben nicht nur Bellini, Donizetti oder Mascagni dirigiert, sondern auch Beethoven, Brahms und Bruckner.

Ist dieser Blick über die nationalen Musikgrenzen hinaus also eine zusätzliche Mission des Projekts «RCO meets Europe», speziell in Italien?
Ja, unser Land muss sich wieder internationaler aufstellen, weil auch dies stets zu unserer Identität gehört hat. Davon bin ich überzeugt, und diesen Aspekt möchten wir mit unserem Projekt generell unterstreichen. Er berührt ganz wesentlich die Vision einer «Einheit in der Vielfalt».

Interview: Marco Frei

Am 4.  und 5. September gastieren Daniele Gatti und das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam bei LUCERNE FESTIVAL: mit Werken von Bruckner und Rihm, sowie Haydn und Mahler.

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Eine Antwort auf «Einheit in der Vielfalt.» Daniele Gatti über die europäische Identität

  1. PROFESSOR ALFRED PFEFFERKORN VON LERNWERK ZAMETSCHEK sagt:

    Hallo dear folks

    Das Interview mit Daniele Gatti ist gut. Italien ist gut. Deutsch? „… mit Werken von Bruckner und Rihm, s o w i e Haydn und Mahler.“ Nicht 2x „von“.

    Beste Grüsse

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