«All dies tut weh.» Patricia Kopatchinskaja über ihr inszeniertes Konzert «Dies irae»

Patricia Kopatchinskaja (Foto: Leila Navidi)

Ein Projekt liegt der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der «artiste étoile» des Luzerner Musiksommers 2017, besonders am Herzen: Dies irae, ihr zweites inszeniertes Konzert, mit dem sie künstlerisch auf die Problemlagen unserer Zeit reagiert. Am kommenden Samstag, dem 2. September, feiert dieses ungewöhnliche Projekt seine Premiere.

Kunst ist immer ein Kind ihrer Zeit. Bach und Bruckner schrieben aus Gottgewissheit. Haydn schuf eine Gegenwelt zum Chaos und Unglück der Welt. Beethoven komponierte in der Hoffnung auf das neue Zeitalter der Weltverbrüderung. Aber was ist mit uns? Was hat die Kunst allenfalls zu unserer Zeit zu sagen?

Unsere Zeit steht vor der nie gekannten Bedrohung der globalen Erwärmung. Viele − und viele Mächtige − wollen sie nicht wahrhaben. Aber unsere besten Wissenschaftler sagen, dass die Erwärmung ohne Gegenmassnahmen zur Selbstverbrennung des Planeten führen wird. Und die bisherigen Gegenmassnahmen sind halbherzig und ungenügend.

Die schon jetzt zu beobachtenden Dürren, Hungersnöte, Staatszusammenbrüche und Massenmigrationen sind nur ein schwaches Vorspiel dessen, was in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten ist: Halbe Erdteile und ganz Südeuropa sind bedroht, Hungersnöte, Staatszerfall und Ressourcenkriege werden sich weiter ausbreiten, Hunderte von Millionen werden sich auf die Wanderschaft machen, ein Ende der Zivilisation und vielleicht der Welt, wie wir sie kannten …

Wie kann ein Musiker seine Betroffenheit darüber ausdrücken?

Seit dem Mittelalter war das Dies irae der musikalische Ausdruck der Endzeit, von jenem «Zorn Gottes», der sich im Jüngsten Gericht entlädt. Eine zeitgemässe Fassung des Dies irae hat Galina Ustwolskaja 1972/73 noch in der alten Sowjetunion komponiert: Das Klavier schlägt brutale, dissonante Cluster, acht Kontrabassisten wiederholen erstickende Phrasen − sie sehen aus wie Totenvögel. Im Zentrum steht die von Ustwolskaja erfundene und mit einem Hammer zu traktierende Holzkiste. Diese ausweglose und verzweifelte Schicksalsmusik ist das Kernstück und der Höhepunkt des Programms.

Es beginnt mit Giacinto Scelsis Okanagon: Monotone, dürre Klänge werden zuweilen von Tamtam-Rhythmen unterbrochen, die jedoch ermüden und wieder absterben − die Dürre Afrikas duldet keine Menschen mehr. Hören Sie den Herzschlag der Erde? Ist da noch etwas? Das sind Ihre Schritte auf der Erde − Jorge Sánchez-Chiong hat sie zu Soldatenschritten verarbeitet.

Auf dem Weg zu diesem Jüngsten Gericht kommt es zu Kriegen, im Programm versinnbildlicht mit Heinrich Ignaz Franz Bibers barockem Schlachtengemälde Battalia. Zwischen die Sätze sind zwei Werke eingeschoben, die als Reaktion auf den Vietnamkrieg entstanden: einerseits George Crumbs Streichquartett Black Angels, dessen Untertitel «Thirteen Images from the Dark Land» («Dreizehn Bilder aus dem dunklen Land») lautet; andererseits, als Video, Jimi Hendrix’ Gitarrenimprovisation über The Star-Spangled Banner.

All dies tut weh. Der erste Satz des Violinkonzerts von Michael Hersch ist eine offene Wunde, es gibt nichts zu beschönigen. Antonio Lottis Crucifixus steht für den Leidensweg, auf dem Erlösung von den Menschen nicht mehr erwartet werden kann. Die Improvisation über den 140. Psalm ruft Gott als letzte Zuflucht an. Zum Höhepunkt, Ustwolskajas Dies irae, führt Scelsis Anagamin für dreizehn Instrumente: ein banges, ungewisses Warten zu unheimlichen, verfälschten, sich kaum verändernden Tönen. Abschliessend der Gregorianische Choral, wie er seit dem ausgehenden Mittelalter gesungen wurde.

Wie lange haben wir noch?

Patricia Kopatchinskaja

Identitäten 6
Patricia Kopatchinskaja | Ensemble der LUCERNE FESTIVAL ALUMNI u.a.
«Dies irae»
Sa, 02.09.22.00 Uhr | KKL Luzern, Luzerner Saal

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