«Wir leben nicht in einem Elfenbeinturm.» Vier Fragen zum Festivalthema «Identität» an Sir András Schiff

Sir András Schiff (Foto: Peter Fischli / LUCERNE FESTIVAL)

Sir András, seit 2011 treten Sie nicht mehr in Ihrem Geburtsland Ungarn auf und protestieren damit gegen die politischen Entwicklungen unter der Regierung von Victor Orbán und die antisemitische Hetze. Wie hat man dort darauf reagiert?
Seit 2010 war ich nicht mehr in Ungarn, nicht einmal privat. Viele Freunde und ein Grossteil des Publikums bedauern das, offizielle Reaktionen gab es wenig. Manchmal versuchen Menschen mich zu überzeugen, dass ich die Lage falsch verstehe und meine Meinung ändern sollte. Vergebens. Hoffentlich erlebe ich das noch in meinem Leben, dass es anders sein wird. Sehr bald kann’s nicht geschehen.

Wie erklären Sie sich die gegenwärtige Tendenz zum Rechtspopulismus und zum Rechtsextremismus, wie sie sich im Erfolg von Donald Trump oder dem Aufkommen der «identitären Bewegungen» manifestiert?
Wenn ich das erklären könnte … Es ist ja zum Verzweifeln.

Was kann ein Künstler tun, um gegen diese Entwicklungen vorzugehen und für Offenheit und Humanität zu streiten?
Künstler müssen vor allem gute und grosse Kunst machen, das ist ihre Aufgabe. Trotzdem leben wir ja nicht in einem Elfenbeinturm, auch wir sind Teile einer Gesellschaft und sind von dieser abhängig. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns für die Politik interessieren und bei grossen Ungerechtigkeiten nicht wegschauen oder still bleiben.

Ist der Begriff «Identität» durch die aktuellen nationalistischen Bewegungen verdorben, oder könnte man diesem Wort auch einen positiven Gegenentwurf abgewinnen?
Identität ist lebenswichtig. Europa ist, Gott sei’s Dank, nicht die USA, dort kann man ja kaum von Identität sprechen, nur von einem falschen Patriotismus, «we are the greatest». Jedes Land in Europa hat seine eigene Kultur, seine eigene Sprache, eigene Sitten und Traditionen. Diese müssen wir alle pflegen und behalten, aber darüber hinaus gehören wir alle zusammen, zu einer Gemeinde, mit gemeinsamen humanistischen und kulturellen Werten. Das ist mindestens so wichtig wie die wirtschaftlichen und finanziellen Elemente.

Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Am 3. September interpretiert Sir András Schiff «letzte Sonaten» von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert.

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Eine Antwort auf «Wir leben nicht in einem Elfenbeinturm.» Vier Fragen zum Festivalthema «Identität» an Sir András Schiff

  1. Alexander Weinreuter sagt:

    Das war heute eines der schönsten Konzerte meines Lebens. Danke András Schiff! Danke auch den Mithörern im KKL – für die Stille. Ich bin immer noch total gefangen von diesem Erlebnis. Und das nach über 4 Stunden Autofahrt zurück nach München.
    Ich bin sicher Wolferl, Franzl, Sepp und Wiggerl haben im Musikerhimmel mit der Zunge geschnalzt (ok, Wolferl hat womöglich einen darauf gelassen). Sir András, der Flügelwechsel war ein i-Tüpfelchen. Über Ihre technisch-pianistischen Fähigkeiten zu sprechen erübrigt sich, stünde mir als Laien auch gar nicht zu. Aber wie Sie uns alle an Ihrer Freude an und mit dieser Musik teilhaben lassen, uns mitgenommen haben in ein Universum der Leichtigkeit und verblüfft haben darüber, dass manuelle Technik so selbstverständlich wirken kann, wenn sie ganz der Musik und in keiner Weise der Effekthascherei dient, wird mir unvergesslich bleiben. DANKE.

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