«Identität hat mit der Sprache zu tun.» Manfred Honeck über Wien, Prag und Pittsburgh

Manfred Honeck (Foto: Felix Broede)

Sie haben Ihre Berufslaufbahn als Bratschist bei den Wiener Philharmonikern begonnen, sind also von der Wiener Klangkultur geprägt worden. Was hat man sich darunter eigentlich genau vorzustellen?
Die Klangkultur hat immer mit den Menschen und deren Sprache zu tun. Bei den Wiener Philharmonikern resultiert sie zunächst einmal aus der Schule, der die Musiker entstammen. Mein Lehrer zum Beispiel war erster Geiger bei den Philharmonikern – das Erbe wird also von Generation zu Generation weitergegeben. Die Eigenheiten, die sich das Orchester über Jahrzehnte erworben hat, spiegeln wiederum die Sprache: Man spielt in Wien etwas weicher, so wie auch die Wiener Sprache weicher klingt. Ich wurde immer angehalten, auf Tonschönheit zu achten: Ein Forte darf bei den Wienern nie überdreht klingen oder herausplatzen. Hinzu kommt eine gewisse Eleganz, die ebenfalls typisch wienerisch ist – man denke nur an Johann Strauss. Oder an gesellschaftliche Gepflogenheiten wie das berühmte «Küss die Hand». Wenn man in Wien schimpft, dann schimpft man immer noch höflich.

Seit 2008 leiten Sie als Musikdirektor das Pittsburgh Symphony Orchestra. Gibt es auch so etwas wie eine spezifische Pittsburgher Klangidentität? Was zeichnet sie aus?
Absolut, die gibt es. Auch dieses Orchester ist traditionsreich, es feiert in vier Jahren sein 125. Jubiläum. In Pittsburgh hat man sich ebenfalls bemüht, einen unverwechselbaren Klang zu erwerben. Die meisten unserer heutigen Musiker kommen von den hervorragenden amerikanischen Hochschulen wie der New Yorker Juilliard School oder dem Curtis Institute in Philadelphia, und dort wiederum hatten sie oft Lehrer, die ursprünglich aus Europa stammten. Das Pittsburgh Symphony Orchestra hat eine unglaubliche Klangsensibilität, einen starken Instinkt für die Klangfarben, es hat Brillanz und Energie. Diese Art des Musizierens ist natürlich auch stark von meinen Vorgängern geprägt worden, von William Steinberg, André Previn, Lorin Maazel und Mariss Jansons.

Viele Jahre waren Sie auch der Tschechischen Philharmonie eng verbunden. Nun dirigieren Sie in diesem Luzerner Festspielsommer u. a. Werke von Antonín Dvořák. Klingt Dvořák mit einem tschechischen Orchester anders als mit einem amerikanischen?
Auch da kommt wieder die Muttersprache mit ins Spiel, diesmal das Tschechische. Dort werden zum Beispiel die Akzente anders gesetzt, angefangen mit dem Namen Dvořák, der auf der zweiten Silbe betont wird, mit langem A. Natürlich spielt bei Dvořák auch die geschichtliche Konstellation eine Rolle, das Aufkommen der nationalen Schulen, die sich gegenüber der deutschen Vorherrschaft behaupten wollten. Und schon gar nicht wäre er ohne die tschechische Volksmusik denkbar. Dieses musikantische Moment muss man herausarbeiten – und dann ist es auch nicht mehr entscheidend, ob Dvořák in Prag oder in Pittsburgh erklingt, verstanden wird er überall. Als ich meine Aufnahme der Achten Dvořák mit den «Pittsburghern» herausbrachte, rief mich ein befreundeter Musiker aus Prag an und sagte, das klinge aber besonders tschechisch. Und das hängt nicht damit zusammen, dass meine Vorfahren einst vor Napoleon aus Böhmen geflohen sind …

Welche Rolle spielt eigentlich der Dirigent und insbesondere ein Chefdirigent für die Klangidentität eines Orchesters? Wie viel Prägekraft besitzt er?
Er hat schon einen enormen Einfluss – man denke nur an Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker, die er ganz nach seinen Vorstellungen geprägt hat. Ich durfte ja bei den Wiener Philharmonikern noch öfter unter Karajan spielen und erinnere mich gut, wie er immer wieder auf seine Klangvorstellungen hingewiesen hat. Vielleicht kann man es mit einem Chefkoch vergleichen: Der eine achtet besonders auf die Gewürze, der andere ist ein Meister der Antipasti, ein dritter kümmert sich vor allem liebevoll um die Desserts – und wenn der Chefkoch wechselt, ändert sich auch die Qualität oder die Richtung der Küche. Natürlich haben wir Dirigenten es mit Menschen zu tun, mit Gepflogenheiten und Eigenheiten, und es kommt auch auf die Bereitschaft der Musiker an, sich auf etwas Neues einzulassen. Je länger ein Chefdirigent einem Orchester dient, desto grösser sind seine Gestaltungsmöglichkeiten, denn er nimmt auch Probespiele mit ab und hat oft bei der Verpflichtung neuer Musiker ein Vetorecht. Das heisst, man kann bei der Auswahl neuer Orchestermitglieder auch darauf achten, dass sie dem eigenen Klangideal nahestehen und so sukzessive den Charakter des Orchesters mit formen.

Umgekehrt gefragt: Inwiefern wurde Ihre Identität auch durch Ihre Orchester geprägt?
Das ist immer eine wechselseitige Befruchtung. In Pittsburgh hat es mich zum Beispiel begeistert, wie Strawinsky oder Lutosławski gespielt werden, und da kommt es schon vor, dass ich bestimmte Impulse vom Orchester aufgreife. Das Gute sollte man übernehmen, das Schlechte verändern. Gustav Mahler hat das einmal wunderbar ausgedrückt, als er sagte: «Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.» Das gilt auch für die Identität. Wir dürfen nicht stur sein und die Tradition nur um ihrer selbst willen pflegen, sondern müssen offen für andere Ideen bleiben.

Identität ist ein Stichwort, das auch im aktuellen politischen Diskurs fällt. In den USA hat sich seit dem Amtsantritt von Donald Trump mit seiner Devise «America first» das Klima gewandelt. Wie erleben Sie die Situation?
Vielfalt ist ein hohes Gut, es sollte nie zu einer Gleichmacherei kommen. Aber das heisst nicht, dass man sich negativ abgrenzen und glauben sollte, den einzig richtigen Anspruch zu haben – nein, man braucht Respekt vor den anderen Kulturen. Jede rigide Abgrenzung würde der Kunst nur schaden, weil dann eine konstruktive Auseinandersetzung nicht mehr möglich wäre. Das gilt ebenso für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Für mich persönlich hat die Wahl von Trump keine grossen Auswirkungen. Wenn es darum geht, mit anderen Musik zu machen, empfinde ich die Amerikaner jedenfalls als sehr pragmatisch. Speziell in einem Sinfonieorchester zeigt sich auch, wie verbindend Musik sein kann, denn die Mitglieder haben eine ganz unterschiedliche Herkunft, und alles Trennende wird im gemeinsamen Spiel überwunden.

Sie selbst stammen aus Vorarlberg. Was bedeutet Ihnen Heimat?
Für mich ist Heimat zunächst einmal dort, wo ich zuhause bin, wo ich meine Wurzeln spüre und wohin ich gerne zurückkomme. Bei allen Ausflügen, die ein Dirigent machen muss, ist es doch immer wieder wunderbar, ein Nest zu haben, in das man zurückkehren kann, also zu meiner Familie. Dort fühle ich mich dann geborgen. Heimat finde ich aber auch in der Musik, der Kunst und der Dichtung: Insofern ist es für mich mehr als ein Ort auf der Landkarte.

Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Am 6. September sind Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben, unter anderem mit Tschaikowskys «Pathétique» und Dvořáks Violinkonzert. Solistin ist Anne-Sophie Mutter.

Der zweite Teil des Konzerts wird ab 21.00 Uhr direkt Live auf der Facebook-Seite von LUCERNE FESTIVAL übertragen.

Das Live-Streaming wurde durch die Stiftung Freunde LUCERNE FESTIVAL unterstützt.

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