«Je mehr ich entdecke, desto weniger weiss ich.» Fünf Fragen zum Festivalthema «Identität» an Charles Dutoit

Charles Dutoit (Foto: Larry Ho)

Sie sind ein leidenschaftlicher Globetrotter, haben 196 verschiedene Länder bereist. Gibt es irgendein Land, in dem Sie noch nicht waren und das Sie gerne noch besuchen möchten?
Es gibt natürlich viele Länder, die ich gerne noch einmal ausführlicher erkunden und intensiver kennenlernen möchte. 196 ist die Gesamtzahl der Länder, in denen ich bisher gewesen bin, darunter auch drei, die nicht den Vereinten Nationen angehören: Taiwan, der Vatikan und Kosovo. Zudem habe ich Regionen wie die Antarktis oder die Halbinsel Kamtschatka besucht.

Was war Ihre aussergewöhnlichste Erfahrung auf all diesen Reisen? Und was ist die wichtigste Einsicht, die Sie gewonnen haben?
Ein Land nicht nach dem zu beurteilen, was die Medien berichten oder was in den Reisewarnungen der verschiedenen Regierungen verlautbart wird, sondern es sich selbst anzuschauen − ohne Vorannahmen und Vorurteile. Ich habe mich auf meine Reisen stets durch intensive Lektüre vorbereitet, habe nach den typischen Aspekten der jeweiligen Kultur und nach den historischen Hintergründen gesucht. Am wichtigsten erscheint mir, den Vergleich mit dem zu vermeiden, was man von zuhause her kennt. Meine ungewöhnlichste Erfahrung? Das war wohl in Mogadischu, wo ich das einzige Mal den Eindruck hatte, zu weit gegangen zu sein, was meine eigene Sicherheit als Alleinreisender betrifft: Ich kehrte innerhalb weniger Stunden um und verliess Somalia mit demselben Flugzeug, mit dem ich gekommen war.

Wenden wir uns dem Publikum zu, das Sie auf den verschiedenen Kontinenten kennengelernt haben. Wodurch unterscheiden sich zum Beispiel Konzertbesucher in Japan, Nordamerika, Europa und Afrika? Oder gibt es sogar Unterschiede von Land zu Land, von Stadt zu Stadt?
Die europäischen Hörer haben selbstverständlich eine besondere Sensibilität für die klassische Musik, sind die Hauptwerke des Repertoires doch in Europa entstanden. Amerika zog bald nach, nicht zuletzt wegen der vielen europäischen Einwanderer. Das aufmerksamste und dankbarste Publikum habe ich in Japan angetroffen: Seit mehr als 45 Jahren verbringe ich in diesem Land viel Zeit und spüre immer einen grossen Respekt gegenüber den europäischen Künsten. Japan spielt, wie wir alle wissen, auch für den Plattenmarkt eine wichtige Rolle: Die CD-Einspielungen haben tausende Menschen schliesslich in den Konzertsaal geführt – wofür alle westlichen Musiker dankbar sein sollten. Die grossen japanischen Städte sind längst zu einem wichtigen Drehkreuz für uns Künstler geworden.

In China habe ich fast dreissig Tourneen mit ausländischen und einheimischen Orchestern durchgeführt: Hier schreitet die Entwicklung besonders schnell voran, China ist heute ein wichtiges Land für klassische Musiker. Und auch in Nordkorea war ich, um Gespräche für ein Konzert mit jungen koreanischen Musikern aus dem Norden und dem Süden aufzunehmen. Ich wurde gebeten, in Pjöngjang eine Probe mit dem State Symphony Orchestra zu leiten − das war eine berührende Erfahrung für uns alle; viele von uns bekamen feuchte Augen.

Im Jahr 1970, noch während der Apartheid also, habe ich auch einige Orchester in Südafrika dirigiert. In den neunziger Jahren, als sich die Dinge mit Nelson Mandela zu verändern begannen, war ich dann mit dem Orchestre National de France dort auf Gastspielreise, und 2013 bin ich mit dem Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra noch einmal zurückgekehrt: Es hat mich sehr gefreut, den Wandel im Land zu sehen, vor allem in Durban, wo die klassische Musik in der Ausbildung eine wichtige Rolle spielt.

Musik, so heisst es oft, sei eine Weltsprache, die jeder verstehen kann. Entspricht das Ihren Erfahrungen?
Es gibt unterschiedliche Ebenen des Verstehens. Wir als Interpreten müssen tief eintauchen in ein Werk, uns mit seiner Entstehung, dem historischen Kontext, dem Leben des Komponisten auseinandersetzen … Was auch immer eine Aufführung vermittelt, resultiert aus dieser Auseinandersetzung und ermöglicht wiederum dem Hörer eine eigene, umfassendere Erfahrung. Dabei gilt, was generell im Leben Anwendung finden sollte: Jeder muss für sich entscheiden, wie intensiv er sich auf etwas einlassen und wie viel Einsicht er gewinnen will. Heute kann ich für mich jedenfalls sagen: Je mehr ich entdecke, desto weniger weiss ich. Denn sobald du anfängst, Neugier zu entwickeln, ist an ein Aufhören nicht mehr zu denken …

Ist es im Zeitalter der Globalisierung besser, die verschiedenen kulturellen Identitäten herauszustellen, also die Unterschiede zu betonen, oder glauben Sie vielmehr, dass wir die Gegensätze überwinden sollten?
Für die Welt der Kunst gilt: Es sind die Unterschiede zwischen den Kulturen, was Stile, Sprachen, Zugänge und so fort betrifft, die unser Leben erst interessant und faszinierend machen.

Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Am 8. September 2017 ist er in Luzern mit dem Royal Philharmonic Orchestra und Martha Argerich zu Gast und dirigiert u. a. Debussys «La Mer» und Ravels «Boléro».

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