«Sicher war es das «Große Los» Im Gespräch mit dem Schweizer Soloflötist der Wiener Philharmoniker Dieter Flury.

Dieter Flury (Foto: Regina Hügli)

Die Wiener Philharmoniker feiern heuer nicht nur ihren 175-jährigen Geburtstag und ihr 60. Bühnenjubiläum bei Lucerne Festival, sondern auch Sie feiern Ihr 40. Jubiläum als Mitglied des Orchesters. Wie fühlt es sich an, Mitglied einer solch langen und schönen Tradition zu sein?
Sicher war es das «Große Los», vor vierzig Jahren eine Stelle in diesem Orchester angeboten zu bekommen. So fühlt es sich auch nach vierzig Jahren noch an.

Wiener Orchester verfügen über einen einzigartigen und unverkennbaren Klang, der bei anderen Orchestern dieser Welt nicht zu finden ist. Was unterscheidet die Wiener Philharmoniker beispielsweise von einem amerikanischen oder deutschen Orchester?
Die Unterschiede haben weniger mit dem Reisepass zu tun als mit der Tatsache, dass das Orchester als Orchester der Wiener Staatsoper mehr als dreihundert Abende jedes Jahr im Orchestergraben der Wiener Staatsoper verbringt und gemeinsam lernt, sich den schönsten menschlichen Stimmen anzuschmiegen, die man hören kann.

Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich mit Ihrer Familie seit vielen Jahren in Wien: Kommt hin und wieder auch Wehmut auf? Gibt es Dinge, die Sie in Wien vermissen?
Ich kann es der großen Sängerin Lotte Lehmann gut nachfühlen, als sie ihre Übersiedlung nach Wien mit einem extrem heißen Bad verglich: Am Anfang tut es weh, wenn man sich etwas bewegt, nach einiger Zeit fühlt man sich darin so wohl, dass man gar nicht mehr hinaus will. Sicher gibt es Schweizerische Qualitäten, die ich in Wien vermisse, umgekehrt würde es mir aber noch weit mehr so ergehen, ist die Schweiz doch lange nicht mehr jene Schweiz, die wir vor vierzig Jahren verlassen haben. Wer auswandert, so hat Alfred Polgar einmal gesagt, tauscht eine Heimat gegen zwei Fremden. Was vermisst man denn? Knuspriges Brot und besonders guten Käse zu finden, ist je länger je weniger in Wien noch ein wirkliches Problem. Der nüchternen Klarheit, dass eben Birnen keine Äpfel sind, steht das einerseits so, andererseits aber auch «a bissl» anders gegenüber, das Wien so unnachahmlich liebens- und hassenswert macht. Das ist eine wienerische Liebeserklärung an Wien.

Die Wiener Philharmoniker haben eine lange Tradition und auch eine lange Geschichte. Dabei stellte sich das Orchester in den letzten Jahren auch seiner Vergangenheit, genauer: seiner Rolle während der NS-Zeit. Wie wichtig war dieser Schritt für den Erhalt und vielleicht auch die Weiterentwicklung der «Identität» des Klangkörpers?
Wie Universitäten, Bundesbahn und zahlreiche andere österreichische Institutionen blicken auch die Philharmoniker auf eine Geschichte im Dritten Reich zurück. Die ersten Jahrzehnte nach dem Dritten Reich waren in Österreich von Schweigen geprägt, deutlich mehr als in Deutschland. Die Philharmoniker begannen vergleichsweise früh, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. In die «Waldheim-Jahre» fünfzig Jahre nach dem «Anschluss» fielen die Vorbereitungen der Philharmoniker auf ihr 150-Jahr-Jubiläum. Zu diesen 150 Jahren des Vereins der Wiener Philharmoniker gehören auch die Jahre unter nationalsozialistischer Herrschaft, die von Anpassung und Überlebenswillen geprägt waren, so die Überzeugung des damals jungen Primgeigers Clemens Hellsberg. Ihm ist es wesentlich zu danken, dass damals eine Aufarbeitung begann, die er später als Vorstand mit ebenso viel Entschiedenheit fortsetzte wie nach ihm seine Nachfolger. Die Orchestermusiker finanzieren seit Hellsbergs Vorstandszeit ein professionalisiertes historisches Archiv, was zeigt, wie wichtig dies die Orchestermitglieder für das philharmonische Selbstverständnis finden. Die Israelitsche Kultusgemeinde in Wien verlieh Clemens Hellsberg 2012 für seine diesbezüglichen Verdienste die Marietta und Friedrich Torberg Medaille.

Wie würden Sie momentan die «Identität» der Wiener Philharmoniker definieren oder in Worte fassen?
Als 25 Jahre nach Beethovens Tod das damalige Wiener Hofopernorchester das Konzertpodium betrat, geschah das mit zwei musikalische Absichten: «Klassisches», also die Pflege der anerkannten Meisterwerke der Vergangenheit, die aus damaliger Sicht Beethoven dominierte, und «Interessantes», also Neues, sollte dem Wiener Publikum mit den besten Kräften auf die beste Weise geboten werden. Das beschreibt auch heute noch die musikalische Identität der Philharmoniker. Revolutionär war im Wiener Vormärz die Idee einer demokratischen Künstlervereinigung, die später die noch heute gültige Rechtsform eines Vereines bekam. Erst in jüngerer Zeit entwickelten die Philharmoniker ein Bewusstsein für ihren eigenen Namen und ihre damit verbundene Verantwortung der Gesellschaft und kommenden Musikergenerationen gegenüber.

Seit 1977 sind Sie nicht nur Mitglied der Wiener Philharmoniker, von 2005 bis 2014 waren Sie auch deren Geschäftsführer. Hat sich Ihre «Identität» verändert, indem Sie auf der einen Seite als Geschäftsführer agierten und auf der anderen Seite als ausübender Musiker auf der Bühne sassen?
Klarerweise war ich in meinen neun Geschäftsführerjahren neben dem Orchestermusiker plötzlich auch Manager, Programmplaner, Verhandler mit vielen Partnern und vieles mehr. Mein dramatisch veränderter Alltag veränderte mich sicher, aber auch das Vertrauen der Kollegen, das sie mir demokratisch schenkten, und sehr stark auch die zahllosen anregenden Kontakte weltweit mit Künstlern, Veranstaltern und sonstigen Teilnehmern am Musikgeschäft. Bevor ich in diese Lage kam, ahnte ich nicht, was es für ein Privileg ist, die Wiener Philharmoniker zu vertreten.

Interview geführt von Jacqueline Saner | LUCERNE FESTIVAL

Dieter Flury war Soloflötist der Wiener Philharmoniker und von 2005 bis 2014 deren Geschäftsführer. Nach über 40 Jahren ist er nun vor wenigen Tagen, am 1. September 2017 in den Ruhestand getreten. Die Wiener Philharmoniker feiern diesen Sommer ihr 60. Bühnenjubiläum bei Lucerne Festival. Am 9. September sind sie unter der Leitung von Michael Tilson Thomas und am 10. September unter Daniel Hardings Leitung im KKL Luzern zu erleben und sorgen für einen feierlichen Abschluss des Sommer-Festivals.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, Interview-Reihe: Identität, Sommer-Festival 2017 abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *