In der Opferrolle. Die lange Kindheit des Anton Bruckner

Anton Bruckner – für viele ist das ein klarer Fall. «Die Pfaffen von St. Florian haben Bruckner auf dem Gewissen», urteilte ganz unverblümt der Kollege Johannes Brahms. Und bezog sich damit auf die «sonderbare» Persönlichkeit seines Antipoden, die sich in zahlreichen Anekdoten widerspiegelt: Bruckner, der Provinzler, der einen derben Dialekt sprach und linkisch auftrat, ohne jeden gesellschaftlichen Schliff. Bruckner mit seiner masslosen Gottesfurcht, die ihn dazu veranlasste, ein akribisches Gebetstagebuch zu führen, oder, wenn er zur Beichte ging, einen weissen Handschuh zu tragen, damit er, falls er einer Frau begegnete, beim Händereichen den direkten Körperkontakt vermeiden konnte. Bruckner, der zahllose Spleens hatte, vom manischen Zählzwang bis zu seinem sensationslüsternen Faible für Katastrophen und Hinrichtungen, für Leichen und Totenschädel.

Aber hatte Brahms wirklich recht mit seiner Diagnose, dass all diese Wesenszüge in Bruckners Kindheit wurzelten und ein Ergebnis seiner Erziehung im Kloster waren? Es ist schwer, sich ein Bild vom jungen Anton zu machen – im buchstäblichen Sinne ist es sogar unmöglich, da kein Portrait aus seiner Kindheit existiert und das älteste erhaltene Foto den schon 30-Jährigen zeigt. Wir sind auf wenige Fakten angewiesen. Und mehr noch auf Mutmassungen.

Bruckner kam am 4. September 1824 im oberösterreichischen Dorf Ansfelden bei Linz zur Welt, als erstes von zwölf Kindern des dortigen Schulmeisters. Um dieses Amt auszuüben, bedurfte es allerdings keines Studiums – Dorflehrer wurden seinerzeit in einem sechswöchigen Ausbildungsgang auf ihre Profession vorbereitet und hatten sich im Unterricht auf das Notwendigste zu beschränken: Schreiben, Rechnen, Religion. Die Familie Bruckner lebte in der kleinen Lehrerwohnung im Schulgebäude über den Klassenzimmern, in bescheidenen Verhältnissen, und ihr Alltag wurde geordnet vom Angelusläuten und den Kirchendiensten morgens und abends jeweils um 6 Uhr. Denn zu den Aufgaben des Vaters gehörte es auch, beim Gottesdienst die Orgel zu spielen, und so dürfte der Orgelklang Antons früheste musikalische Erfahrung gewesen sein.

Daniel Barenboim dirigiert am 22. August Bruckners Neunte Sinfonie, seinen «sinfonischen Schwanengesang» (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Wie für alle Kinder des Dorfes – meist stammten sie aus Bauernfamilien – war es auch für den Sohn des Schulmeisters selbstverständlich, die Eltern bei der Arbeit zu unterstützen. Weshalb Anton früh das Orgel- und Klavierspiel erlernte, um den Vater in der Kirche vertreten zu können. Aber er übte sich auch auf der Geige und zog mit dem Vater auf Dorffeste oder abends ins Wirtshaus, um für Unterhaltungsmusik zu sorgen. Was Anton dabei wohl erlebt haben mag? Vom Vater Bruckner weiss man, dass er bei diesen Gelegenheiten lebhaft dem Alkohol zugesprochen haben soll – sein früher Tod mit 46 Jahren dürfte damit in kausalem Zusammenhang stehen.

Immerhin erkannte Bruckner senior, der ebenfalls Anton hiess, die Begabung des Sohnes und schickte den Elfjährigen zwecks besserer Ausbildung zu seinem Patenonkel Johann Baptist Weiss, dem Organisten aus dem nahegelegenen Hörsching, der in Oberösterreich eine gewisse Bekanntheit genoss und auch komponierte. Hier lernte der junge Bruckner Werke von Mozart und Haydn kennen, und hier unternahm er auch seine ersten eigenen kompositorischen Versuche. Allerdings endete die Lehrzeit nach nur einem Jahr, weil Anton nach Hause zurückbeordert wurde: Der Vater lag im Sterben …

Bruckners jüngerer Bruder Ignaz erzählte 1901, dass Anton bei den Kinderspielen um «Räuber und Gendarm» immer den Part des Gefangenen habe einnehmen müssen, mit dem Ziel, dass er am Ende ausgepeitscht werden konnte. Anton habe deshalb meist dicke Kleidung getragen, wenn er mit seinen Altersgenossen zusammen war, damit er von den Hieben möglichst wenig spürte. Die Opferrolle, die ihm später zufiel, als die Kritiker erbarmungslos auf ihn eindroschen, scheint in dieser frühen Erfahrung vorgeprägt. Mit den «Pfaffen» von St. Florian hat sie allerdings weniger zu tun.

In das berühmte oberösterreichische Stift kam Anton Bruckner noch am Todestag seines Vaters: Die Mutter erreichte, dass er dort als Sängerknabe aufgenommen wurde – wenigstens eines ihrer Kinder hatte sie damit versorgt. Doch war es eher ein karitativer Akt, denn als Zwölfjähriger stand Anton schon kurz vor dem Stimmbruch: Den Stiftsoberen war also klar, dass sie ihn nicht lange als Chorsopran einsetzen konnten. Förderte das Wissen, wie sehr er von der Gnade der Stiftsherren abhing, seine legendäre Devotion, sein geradezu hündisches Verhalten gegenüber Autoritäten und Vorgesetzten?

Valery Gergiev widmet sich am 2. September der Vierten Sinfonie, der «Romantischen» (Foto: Manuela Jans/LUCERNE FESTIVAL)

Knapp vier Jahre durfte Bruckner zunächst in St. Florian verbringen, wo er umfassenden Musikunterricht erhielt, sich im Orgelspiel perfektionierte und mit seinen glänzenden Improvisationen auffiel. Doch als er sechzehn war, bestand die Mutter darauf, dass auch er, wie einst sein Vater, den Lehrerberuf ergreifen soll. Bruckner akzeptierte, zähneknirschend wohl, aber widerstandslos. Und liess sich nach Windhaag im Mühlviertel abkommandieren, einem ärmlichen 200-Seelen-Dorf, wo er seine Berufslaufbahn als Schulgehilfe begann. Dort musste er sich von seinem Vorgesetzten, dem Schulmeister Franz Fuchs, tyrannisieren lassen, durfte um 4 Uhr in der Früh schon die Glocken läuten, dem Pfarrer beim Ankleiden helfen, die Wiesen mähen und die Ställe ausmisten – Tätigkeiten, die sonst eher einem Knecht oblagen. Aber Bruckner muckte nicht auf, die Kraft zur Selbstbehauptung und Gegenwehr ging ihm völlig ab. Erst als sich Fuchs auch noch beim Prälaten von St. Florian über den «Ungehorsam» des einstigen Zöglings beschwerte, wandte sich sein Schicksal: Der Geistliche spürte, wie sehr Bruckner misshandelt wurde, zeigte Einsehen und holte ihn schliesslich (über einen Umweg) als Organist ins Stift zurück. Auf eigene Initiative etwas zu ändern und zum Besseren zu wenden, das sollte Bruckner erst mit Mitte vierzig wagen, als er sich für die Übersiedlung nach Wien entschied. Bei manch einem dauert die Kindheit eben etwas länger.

Susanne Stähr

Gleich fünf Bruckner-Sinfonien stehen im Festspielsommer 2018 auf dem Programm: Daniele Gatti und das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam bringen am 5. September die Dritte zur Aufführung. Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker widmen sich am 2. September der Vierten, Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker am 7. September der Fünften Sinfonie. Riccardo Chailly dirigiert im diesjährigen Abschlusskonzert des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA am 24. August die Siebte. Und Daniel Barenboim hat für sein Gastspiel mit dem West-Easter Divan Orchestra am 22. August die Neunte Sinfonie ausgewählt.

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