Raum und Zeit schraffieren. Drei Live-Erfahrungen mit Musik von «composer-in-residence» Fritz Hauser

Fritz Hauser (Foto: Priska Ketterer)

Schraffur 1: Teambildung
12. April 2018, morgens um 9.00 Uhr: Der diesjährige «composer-in-residence» stellt sich dem Festival-Team vor. Fritz Hauser erzählt, wie es zum ersten Schraffur-Konzert im Jahr 2008 kam. Von seiner pragmatischen Entscheidung, bei einer Veranstaltung mit mehreren Schlagzeugern das gegenseitige Übertrumpfen durch Grösse und Originalität des Instrumentariums sowie das voraussehbare Chaos beim Auf- und Abbau zu umgehen und zum Erstaunen aller einzig mit einem mittelgrossen Gong aufzutreten. Und diesen allein mit der Technik des Schraffierens zum Klingen zu bringen – eine Technik, die Hauser aus Kindheitserfahrungen ableitet:

Als Kind haben mich Neocolor-Zeichnungen sehr fasziniert, bei denen man zuerst farbige Felder auf ein Blatt gemalt und danach das Ganze mit schwarzer Farbe überdeckt hat, um anschliessend mit der Feder Figuren auszukratzen, die dann zufällige Farbmuster aufwiesen. Ebenfalls sehr faszinierend war für mich das «Abpausen»: ein dünnes Blatt über einen Gegenstand (zum Beispiel eine Münze) zu legen und mit dem Bleistift sorgfältig einen Durchschlag zu fabrizieren. Beiden Aktivitäten gemein ist das repetitive Geräusch: ein Schaben, Kratzen, Wischen, das bei unterschiedlichem Material und Tempo eine ganz erstaunliche Bandbreite an Obertönen produzieren kann. Diese Obertöne entstehen bei allen Reib-, Schab-, Schleif-, Polier-, Kratz-, Bürst-, Wisch- und ähnlichen -vorgängen. Jede Oberfläche hat ihren eigenen Klang, und mit dem entsprechenden Werkzeug kann er hörbar gemacht, quasi destilliert werden.

Dann zeigt Fritz Hauser uns Festivalmitarbeitern das zum Schraffieren notwendige Instrumentarium: zwei Schlagzeugsticks, einer von ihnen geriffelt. Man könne, so Hauser, fast alles mit der Technik des Schraffierens zum Schwingen und damit zum Klingen bringen. Versuch am menschlichen Körper, wo es nicht gut geht, danach an Tisch und Stuhl. Die Spitze des einen Schlagzeugsticks wird auf die Oberfläche aufgesetzt, und durch das schnelle Hin- und Herbewegen des anderen Sticks auf der geriffelten Oberfläche gerät das im Kontakt mit dem Holzstab befindliche Material in Schwingungen. Hauser legt los, «schraffiert» unterschiedliche Gegenstände in unserem Sitzungszimmer und demonstriert dabei, wie sich mit dem aus dieser Technik gewonnenen Klangmaterial – das ja zunächst sehr eintönig klingt, wie ein Grillenteppich – Musik machen lässt. Wie man laut und leise, tief und hoch, langsam und schnell spielen kann: grundlegende Parameter des Musizierens.

Nun sind wir selbst gefordert. Hauser hat für alle Sticks dabei, und wir beginnen gemeinsam zu schraffieren. Wir achten auf ein gemeinsames Tempo und eine gemeinsame Lautstärke, sollen aufeinander hören und einen homogenen klingenden Organismus gestalten. Nächste Übung: leise beginnen, lauter werden und wieder ausklingen lassen – bis zur Stille. Fritz Hausers Schraffur-Workshop mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von LUCERNE FESTIVAL dauerte nicht länger als 20 Minuten, ist aber eine tolle Erfahrung: Alle haben konzentriert mitgemacht; das Musizieren in der Gruppe und das Prinzip des Aufeinander-Hörens erzeugen ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Eine Kollegin bemerkt am Ende, das gemeinsame Schraffieren sei besser gewesen als jeder Teambildungs-Workshop.

Fritz Hauser (Foto: Priska Ketterer)

Schraffur 2: Ritual
16. Januar 2018, Solokonzert mit Fritz Hauser in Basel: Schraffur für Gong solo im «H95 – Raum für Kultur», mit Licht von Brigitte Dubach. Ich kenne bereits Schraffur für Radiostudio (2009) und das von mir initiierte Schraffur für Gong und Orchester, das im Sommer 2010 bei LUCERNE FESTIVAL uraufgeführt wurde, habe auch die nachfolgenden grossen Performances Schraffur für Gong und Theater (2011 zur Saisoneröffnung des Theaters Basel, mit über 200 Mitwirkenden) und Schraffur für das Kunsthaus Zug (2012) live miterlebt. Aber die Keimzelle, das Ursprungswerk Schraffur für Gong solo, hatte ich bisher noch nicht im Konzert hören können.

Fritz Hauser betritt ruhig die Bühne, setzt sich an einen kleinen Tisch, auf dem ein Gong sowie daneben zwei Metall- und zwei chinesische Essstäbchen liegen. Es ist dunkel, nur wenig Licht fällt auf den Gong. Mit einer Hand nimmt Hauser ein Stäbchen auf und beginnt, mit dessen Spitze auf dem Gong hin- und her zu wischen. Ein Reibegeräusch, ein kontinuierlicher Ton entsteht. Ein Ton – oder ein Geräusch? Was genau? Weiss nicht. Es klingt monoton, auch monochrom, dann aber auch wieder komplex, schwingungsreich, farbig. Weiterhören. Das Ohr zoomt sich hinein in die Bewegung und die daraus entstehenden Klänge. Auch das Auge blickt gebannt und zunehmend hypnotisiert auf die Schraffier-Bewegung, die der Stab auf der Gongoberfläche vollführt, deren Patina grau-braun-bronzen leuchtet. Hausers Gesicht ist in Dunkel gehüllt. Nach einiger Zeit, nach einigen Minuten – schwer zu sagen, weil das «normale» Zeitempfinden vom ununterbrochenen, gleichmässigen Klangstrom ausgehebelt wird – nimmt auch Hausers andere Hand einen Stab auf und beginnt mit ganz kleinen Bewegungen an einer anderen Stelle des Gongs zu reiben. Allmählich entsteht so eine zweite Klanglinie, Klangfarbe. Die ersten hört man vorne rechts, die zweite scheint von hinten links zu kommen. Wie ist das möglich bei einem Gong-Durchmesser von gerade einmal 30 cm?

Weiss nicht. Weiterhören. Waren bisher nur Hausers Hinterkopf und der Gong beleuchtet, bemerke ich jetzt, dass sich das Licht verändert hat. Von hinten ist es stärker geworden, aber auch vorne hat sich der Lichtradius langsam vergrössert. Die Veränderung ist spürbar, man kann sie aber schwer bemessen, weil Musik und Licht sich in der gleichen, sich unendlich Zeit nehmenden Geschwindigkeit entwickeln. Paradox: Aus Hausers schnellen Schraffier-Bewegungen entsteht eine grosse «Gelangsamkeit». Beide Klanglinien verschmelzen nun zu einem gemeinsamen Klang, dann nimmt die Beginner-Hand die Bewegung langsam zurück. «Langsam» meint hier nicht ein bloss wenige Takte umfassendes Diminuendo, sondern eines, das drei, vier, fünf Minuten dauert. Weiss nicht genau. Auf jeden Fall fühlt man den Klang anders als zu Beginn. War er anfangs noch lokalisierbar, bei den Händen auf der Bühne, ist der Klang jetzt im ganzen Raum. Ich habe das Gefühl, dass mein Kopf, mein Körper vom Klang umhüllt ist. Dabei werde ich selbst nicht schraffiert. Es scheint, als würden die Zuhörer von den Klangwellen in Schwingungen versetzt – werden wir also doch schraffiert? Weiss nicht. Dazu fällt mir ein, dass Fritz Hauser einmal gesagt hat, Schallwellen würden nicht nur vom Ohr, sondern auch vom Knochensystem aufgenommen, weshalb jeder Mensch – seinem Körper bzw. Knochenbau entsprechend – Musik anders höre und erlebe.

Fritz Hauser auf Klangforschung im KKL Luzern, 2017 (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Interessant. Doch wieder zurück in den Klang. Das ist einfach, er ist ja da, überall. Und er war immer da, man hat keine Entwicklung verpasst, kein Motiv, keine Stelle – die gibt’s hier sowieso nicht. Schnell klinke ich mich wieder ein in die nun geradezu orchestral anmutende Klangwelt, die der in Schwingung versetzte Gong hervorruft und die uns im ganzen Raum geradezu greifbar umgibt. Ich reflektiere das Geschehen und denke, wie verrückt es doch ist, dass ein Mann mit einem Gong und zwei Stäben, mit äusserst bescheidenen Mitteln mithin, so ein wahnsinniges Ergebnis erreicht, einen so starken Klang, der einen geradezu hineinzieht. Klang-Sog. Mittlerweile ist es ziemlich hell auf der Bühne, und Fritz Hauser beginnt nun, den Gong mit der einen Hand ganz langsam anzuheben, während die andere ebenso langsam crescendiert. Der Klang wird dadurch allmählich heller, lauter, strahlender. Unglaublich. Man hebt ab. Ich denke an György Ligeti, der uns 1987 bei einer Live-Demonstration seiner ersten Klavieretüde Désordre, gespielt von Volker Banfield, erklärte: Die unterschiedlichen rhythmischen Patterns beider Hände seien so komponiert und müssten so gespielt werden, dass der Eindruck eines startenden Flugzeugs entstehe, das dann irgendwann abhebe.

Wir schweben. Im Klang, im goldenen Licht. Es ist berauschend. Nachdem der Gipfel erreicht ist, senkt Hauser den Gong langsam wieder ab, der Klang wird ganz langsam kleiner, dunkler. Was für eine grandiose Entwicklung, denke ich, ohne zu wissen, dass das Grossartigste noch bevorsteht. Jetzt wird alles reduziert und wir kehren zurück zum Anfang, denke ich. Ist der Höhepunkt in der Mitte oder liegt er, wie beim Goldenen Schnitt, eher im zweiten Drittel? Weiss nicht. Irgendwann hat Fritz Hauser nur noch ein Metallstäbchen in der Hand, mit dem er schraffiert. Er schraffiert jetzt den Rand des Gongs mit der Mitte des Stäbchens. Der Gong liegt auf dem Tisch, erhellt vom Licht. Langsam, unendlich langsam – ich schätze, das dauerte vier Minuten – bewegt Hauser seine Hand immer weiter weg vom Gong, sodass sich die Reibe-Aktion von der Mitte des Stäbchens immer mehr zur Spitze hinbewegt. Der Klang wird immer höher und entfernt sich immer mehr, bis eine ganz tiefe oder hohe Stille erreicht ist. Tiefe oder hohe Stille? Weiss nicht. Ich weiss nur, dass das Publikum lange in dieser Stille verharrt.

Rundum
2007, beim Abschiedsgottesdienst für den gemeinsamen kunstliebenden Freund Beny von Moos in der Luzerner Hofkirche: eine Performance von Fritz Hauser. An der angekündigten Stelle geschieht zunächst – nichts. Lange Stille. Allmählich ist ein leiser Klang zu vernehmen. Hauser ist nicht zu sehen. Der Klang scheint von oben zu kommen, er wird grösser, voller. Dank der grandiosen Akustik der Hofkirche stellen sich wundersame Effekte ein: Nicht nur habe ich das Gefühl, als würde sich der Klang im ganzen Raum ausbreiten, sondern er scheint auch einmal von links oben, dann von rechts oben zu kommen. Er scheint sich im Raum zu bewegen, und gleichzeitig ist ein ungeheuer reiches Spiel von Obertönen zu hören, das ganz verschiedene Klangfarben entstehen lässt. Keiner weiss, auf welchem Instrument und von wo Hauser spielt. Erst später erfahre ich, dass er auf der Orgelempore, unsichtbar, auf jener Trommel musiziert, die er auch in Trommel mit Mann verwendet.

Die Situation – das Gedenken der Trauergemeinde an den Verstorbenen –, dazu das Umhüllt-Werden von einer nicht nur ungewohnten, sondern auch rätselhaften Musik in diesem grossartigen Sakralraum: Sie führten zu einem Erlebnis, das, mit aller Vorsicht, als magisch und mystisch bezeichnet werden kann. Hausers abschliessendes Diminuendo, sein Sich-Zurückziehen wirkte geradezu entrückt – am Ende hatte ich den Eindruck, ein immer leiser werdender Klang schwebe über uns hinweg in den Himmel. Hausers Musik entsprach Beny von Moos’ katholisch-buddhistischem Zwitterwesen, sorgte wie ein buddhistisches Klangmandala für einen gleichsam transzendentalen Effekt: als ob man der Seele beim Aufsteigen in den Himmel zuhören würde.

Mark Sattler | Moderne & Dramaturgie LUCERNE FESTIVAL

Einen Überblick über sämtliche Auftritte Fritz Hausers als «composer-in-residence» des Luzerner Sommer-Festivals finden Sie hier.
Schraffur für Gong und KKL Luzern erklingt am 26. August 2018 zur Eröffnung des grossen «Erlebnistags».

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