«Chortrommel»: Neun Uraufführungen für Stimme und Schlagzeug

Fritz Hauser (Foto: Priska Ketterer)

Am kommenden Samstag, dem 18. August, eröffnet Fritz Hauser die Serie seiner Konzerte als Luzerner «composer-in-residence»: mit dem Gemeinschaftswerk Chortrommel, das neun Uraufführungen von Olivier Cuendet, Christian Henking, Leonardo Idrobo, Vera Kappeler, Lucas Niggli, Katharina Rosenberger, Denis Schuler, Mike Svoboda und Hauser selbst vereint. Einige der Komponisten haben uns vorab kurze Kommentare zu ihren neuen Werken geschickt.

Samstag, 18. August 2018 | 21.00 Uhr | KKL Luzern, Luzerner Saal
Moderne 1
Basler Madrigalisten | contrapunkt chor | Schlagzeugtrio Klick | Fritz Hauser
«Chortrommel»

Olivier Cuendet über Foresta incantata:
Der Text und die Grundidee dieses Stückes stammen aus einem Kapitel aus Land aus Glas (Castelli di rabbia) von Alessandro Baricco. Ein Chordirigent hat ein neues Konzept für seinen Chor erfunden: Jeder singt nur eine Note, «seine» Note. Mit einer komplizierten Maschine sind die Tasten des «Humanophone» per Kabeln und Riemenscheiben mit den kleinen Fingern jedes Sängers verbunden, sodass der Chordirigent den gewünschten Ton auf- oder zumachen kann (wie bei Orgelpfeifen). Diese extravagante Situation gibt verschiedene Situationen des Buches wieder, die symbolisch oder ganz konkret in Musik umgesetzt sind. Jeder Sänger des einen Chores singt nur einen Ton der weissen Tasten des Klaviers und bei dem anderen die zwölf Töne der chromatischen Leiter. Die drei Schlagzeuger wirken wie Anreger und Kommentare der Stimmen.

Leonardo Idrobo über unspoken (scene V):
unspoken (scene V) basiert auf einem begleitenden Text einer kurzen Bilderserie des Fotografen Luca Idrobo, betitelt Unspoken life of a halted wanderer. Die Serie handelt von einem Obdachlosen. Der Text ist original in englischer Sprache verfasst. Durch Umkehrungen und einige wenige Manipulationen der eigentlichen Worte und der Phoneme lässt der Komponist einen Text entstehen, dem jegliche Bedeutung geraubt, aber ein perkussiver Charakter verliehen wurde. Dieser neugewonnene «Laut» muss stets übertrieben konsonantisch klingen, und alles muss gut und deutlich ausgesprochen werden. Für die Buchstabenkonstellation «TH» ist die englische Aussprache beizubehalten. Das «Y» ähnelt hingegen jener der deutschen Sprache – genauso die Vokale. Das «R» wird rollend ausgesprochen.

Für diese klanglich abgebildete «Szene Nr. 5» wird folgendes Fragment sowohl des Original- wie des manipulierten Textes benutzt:
Originaltext:
You were there at any time
from the day of my arrival until the day of my departure
not even the rain dissuaded you to hit the road and walk about
to scavenge the objects you collected.

manipulierter Text:
uy reu reth tay ne miat
morfith yedfoaim laviarra litno ethyed foaim ruitrapid
tonevæth nier didieussid uyot tihith duordna kou tuaba
otchne vacsith stkech bou ydit kellok

Katharina Rosenberger über Meeresgesänge:
Die Meeresgesänge entstammen Homers Odyssee mit Fragmenten aus den Gesängen 9 bis 12. Die Basler Madrigalisten, flankiert vom Schlagzeugtrio Klick, erzählen von der wütenden See, welche die Schiffbrüchigen und Heimatlosen wiederholt und unbarmherzig in das weite Meer hinausschleudert.
Mögen wir uns daran erinnern, dass dies ein erschreckendes und akutes Thema ist, das die Menschheit leider immer wieder von Neuem ergreift.
Meine Komposition Meeresgesänge ist halbszenisch konzipiert und lässt den Chor in einer Weiterentwicklung als einen choreographierten Menschenknäuel über die Bühne zittern und schwanken. Die Vokalklänge sind hier an die Bewegungen gebunden. Bei LUCERNE FESTIVAL wird nun die konzertante Version präsentiert.

Denis Schuler über The Fugitive From Heaven:
One day I’ll become what I want
One day I’ll become a bird
that plucks my being from nothingness.
As my wings burn I approach the truth
and rise from the ashes
I am the dialogue of dreamers
I shunned body and self to complete the first journey towards meaning
but it consumed me then vanished
I am that absence
The fugitive from heaven
Excerpt from Mahmoud Darwish, Mural, London/New York: Verso Books 2009 (for the English version)

In 2000, Palestinian writer Mahmoud Darwish (1941–2008) releases a long poetry, translated in English by John Berger and Rema Hammami, under the name Mural. In this prose, the poet addresses many topics: life & death, old age, homeland, exile and dispossession. The gracefulness, deepness and strength of every single word presided over the composition Fugitive From Heaven. I wanted to make truly comprehensible sentences and opted for a vertical writing along with simple chords. “One day I’ll become a bird that plucks my being from nothingness”: the words emerge from silence. At the same time.

Der von Mike Svoboda in Coro de Spiriti vertonte Text:
Nulla impresa per huom si tenta in vano
nè contro a lui più sa natura armarse.
Ei de l’instabil piano
arò gl’ ondosi campi, e ’l seme sparse
di sue fatiche, ond’ aurea messe accolse.
Quinci, perché memoria
vivesse di sua gloria,
la Fama a dir di lui sua lingua sciolse:
ch’ei pose freno al mar con fragil legno
che sprezzò d’Austro e d’Aquilon lo sdegno.
(aus Alessandro Striggios Libretto zu Claudio Monteverdis Orfeo)

Das von Lucas Niggli in FLOOD. Eine Glossolalie für Trio Klick und Basler Madrigalisten vertonte Textmaterial:
Chenjerai Hove (Simbabwe)
Flooding Sounds
You who have heard
My whispers,
Make them one day
A flooding shout
That drowns oceans

I am here
Wielding salient voices
That ears should hear
And voices sing.

You who have heard my whispers,
Spread the gossip
Of flowers in the wind
And oceans flooded
With these flowery dreams.

You,
Who have heard:
Whisper this voice
To oceans’ turbulent waves.

(aus Afrika im Gedicht, herausgegeben von Al Imfeld, Zürich: Offizin Verlag 2015)

Heike Fiedler (Schweiz/Deutschland)
Conditio-sine-qua-non
bedingungslos besinnungslos besinnt besinn dich ding dich sinn
ding unding undichter sinn sinndicht im blicklicht undichter blicke
dichtet sich unsinn unser sinn blickt auf undichte dinge bis zur
besinnungslosigkeit losgedichtet ausgerichtet richtet sich der
blick auf gedichtetet sinnlosigkeit du suchst den sinn im licht der
dinge sieht alles anders aus

richtungslos dehnt sich der sinn aus undichter sicht einigen wir
uns nicht erst im unsinn der dinge in bedingungsloser einsicht
sucht der wortsinn nach sinniger aussicht von mir aus dir aus
erdichtet sich das wort im nichts dichtet sich das dingwort bis zur
sinnlosigkeit bis zur bedingten unsinnigkeit weltweit unheit

Wasserblasen
look look look look look look look look glugg
glugg glugg glugg glugg glugg glugg glugg glogg glock
glock glock glock glock glock glock glock gloack glack
glack glack glack glack glack glack glack
glack glaock glock glock glock glock glock glock glock
glock glogg glugg glugg glugg glugg glugg glugg glugg
glugg lock lock lock lock lock lock lock

(aus Heike Fiedler, langues de meehr, Luzern: der gesunder Menschenversand (edition spoken script) 2010)

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