Nerven-Musik – zum 80. Geburtstag von Heinz Holliger

Heinz Holliger probt mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY (Foto: Stefan Deuber/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Am 21. Mai feiert Heinz Holliger, der LUCERNE FESTIVAL seit über einem halben Jahrhundert als Oboist, Dirigent und Komponist eng verbunden ist, seinen 80. Geburtstag. Moderne-Dramaturg Mark Sattler gratuliert – das Geburtstagskonzert folgt im September, beim Luzerner Sommer-Festival.

Samuel Beckett machte für seinen Monolog NOT I genaue Angaben zur Inszenierung: Per Live-Video soll auf einer Leinwand 20 cm über der Schauspielerin nur deren Mund gezeigt werden, die gesamte Bühne ansonsten schwarz sein. Man sieht also nur das Ausdrucksorgan des Menschen, körperlos und verselbstständigt, aus dem psychogrammatische Wortkaskaden eines von Schmerz durchbohrten Bewusstseinsstroms einer inneren Stimme heraussprudeln.

Bei der Musik, die der Komponist, Dirigent und Oboist Heinz Holliger produziert, geht es immer um dieses «NOT I»: Der Interpret soll aufgehen in der Musik, ist Musik, der Mund, die Oboe. Nichts anderes zählt. Ich stelle mir analog zu Becketts Bühne eine auf der Bühne schwebende Oboe vor. Die Absender-Person ist unsichtbar. «NOT I»: Die Musik ist wichtig, um sie geht es. Beim Komponieren strebt Holliger die totale Identifikation an, wie bei Flaubert: Je suis Lenau/Hölderlin/Walser/Soutter usw. Aber nie im Naturalistisch-Biografischen verbleibend, sondern deren Leben und Werk als Material für kompositorisch-musikalisch komplex strukturierte Kunstwerke nehmend. Heinz Holliger schreibt immer hochgradig expressiv, und natürlich hat er einen persönlichen Sprachstil ausgebildet. Aber die Hineinverwandlung in die jeweiligen «Anderen» – als Interpret und vor allem als Komponist – führt zu ungemein vielgestaltigen, individuellen Lenau/Hölderlin usw.-Musikwelten.

Unvergesslich sind mir die letzten Hörerlebnisse: die ekstatischen Momente in Holligers Violinkonzert, das 2017 beim Luzerner Sommer-Festival erklang, oder der berührende somnambule Schluss seiner Oper Lunea, 2018 in Zürich. Was ist das für eine Musik? Wer spricht da? «Der Dichter spricht» – oder der Komponist, der durchaus ein starkes Ego und starke Persönlichkeit besitzt? «NOT I.» Es ist das Wunder der Musik, die von «fremden Ländern und Menschen» erzählt und (Seelen-)Räume und Zeiten zu erkunden vermag. Keinem gelingt das besser als Heinz Holliger. Mit einer genialischen Musikalität gesegnet, befolgt Holliger Becketts Hinweis an die Aufführenden von NOT I: «work on the nerves of the audience, not its intellect.»

Mark Sattler | Moderne & Dramaturgie

LUCERNE FESTIVAL veranstaltet am 7. September in Zusammenarbeit mit der Paul Sacher Stiftung ein Geburtstagskonzert, an dem Heinz Holliger als Oboist mitwirkt und in dem neben Uraufführungen von Freunden des Komponisten auch NOT I nach langer Zeit wieder aufgeführt wird, mit Susanne Elmark als Solistin.

Einige Luzerner Wegmarken Heinz Holligers aus unserem Konzertarchiv (das alle seine Festival-Auftritte wie auch die hier aufgeführten Holliger-Werke verzeichnet):
• 1961: erster Auftritt als Oboist
• 1983 erklang mit Elis. Drei Nachtstücke erstmals eine Komposition. Seither wurden in Luzern über 50 Werke von Heinz Holliger aufgeführt.
• 1989: erster Auftritt als Dirigent
• 1998: «composer-in-residence»
• seit 2014: regelmässige Zusammenarbeit mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY
• letzter Auftritt: im Sommer 2018 im Rahmen des «räsonanz – Stifterkonzerts» der Ernst von Siemens Musikstiftung mit dem Chamber Orchestra of Europe und den LUCERNE FESTIVAL ALUMNI

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *