Das missbrauchte Kunstwerk. Wie Sozialisten und Nationalisten Beethovens Neunte für sich vereinnahmten

Beethovens Neunte Sinfonie ist ein politisches Kunstwerk. Das verrät bereits die Wahl von Friedrich Schillers Gedicht An die Freude, das Beethoven im Finale vertont und mit dem er seine Botschaft unmissverständlich ausdrückt: «Alle Menschen werden Brüder.» Der Geist der Französischen Revolution mit ihrer Devise «Liberté, Égalité, Fraternité» steht hier also Pate, und Beethoven setzt ihn auch kompositorisch um, indem er die Instrumental- mit der Vokalmusik und die Sinfonie mit der Kantate verschwistert. Ein klarer Fall also, sollte man meinen. Doch ausgerechnet dieses Werk führte zu einem unerbittlichen Streit zwischen den verschiedenen Parteien,den rechten und den linken, die Beethovens Neunte jeweils für ihre Zwecke vereinnahmten: ein Machtspiel um die Deutungshoheit der vielleicht berühmtesten Sinfonie überhaupt.

Nach Beethovens Tod war es zunächst die junge Demokratiebewegung, die in der Neunten ihre Anliegen umgesetzt sah. Zu ihr gehörte der Musikkritiker Franz Brendel, der ab 1844 die Neue Zeitschrift für Musik herausgab. Brendel attestierte Beethoven «ächten Socialismus» und erklärte: «Er ist der Komponist der neuen Ideen von Freiheit und Gleichheit, Emancipation der Völker, Stände und Individuen.» Doch schon damals erhob sich Widerspruch von konservativer Seite. Weshalb Brendel seinen Mitarbeiter Ernst Gottschald bat, den Kritikern zu antworten: «Glauben Sie, dass Beethoven zu Schiller’s Gedicht gegriffen, um blos einmal Gesang mit einer Symphonie zu verbinden? […] Wenn er in gewichtigen Accorden singt: ‹Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt!›, erkennen Sie in solchen Stimmungen gar keinen geistigen Zusammenhang mit den Ideen der modernen Demokratie?»

Auch Richard Wagner setzte auf die revolutionäre Sprengkraft dieser Sinfonie. Als im Mai 1849 in Dresden die Barrikaden brannten, hob er, damals Kapellmeister in der sächsischen Metropole, die Neunte ins Programm. Bei der Generalprobe war auch der russische Anarchist Michail Bakunin zugegen und rief das Publikum dazu auf, für den Erhalt dieses Kunstwerks alles zu geben, sogar das Leben. Opfer der Kämpfe wurde zunächst allerdings das Opernhaus, das in Flammen aufging. Was einen der Aufständischen dazu veranlasste, Wagner begeistert zuzubrüllen: «Herr Kapellmeister, der Freude schöner Götterfunken hat gezündet …»

Der Brauch, Beethovens Neunte Sinfonie zum Jahreswechsel zu musizieren, geht übrigens auf die politische Linke zurück, auf die Arbeiterbewegung. Der Dirigent Arthur Nikisch initiierte dieses Ritual, als er das Werk in der Silvesternacht 1918, zur ersten Jahreswende nach dem grossen Krieg, für das Leipziger Arbeiterbildungsinstitut aufführte. Mit Beethovens Freudenhymnus begrüsste man damals die neue Zeit – und feierte die Hoffnung auf eine goldene Zukunft: in Frieden, Freiheit und Demokratie. Der Komponist Hanns Eisler freilich reklamierte das Werk bald darauf ausschliesslich «für die aufsteigende Arbeiterklasse, nicht aber für die Bourgeoisie». In der Roten Fahne, der Parteizeitung der Kommunisten, schrieb er: «Wenn dieser gewaltige Hymnus an die Freude aufbraust, sich steigert und jubelnd ausklingt, dann kann und muss jeder klassenbewusste Arbeiter, mit Kraft und Zuversicht erfüllt, sich sagen können: Diese Töne […] werden erst recht uns gehören, wenn wir über die jetzt herrschende Klasse gesiegt haben werden und den Millionenmassen der bis dahin Unterdrückten mit dem Triumphgesang Beethovens zujauchzen werden: ‹Seid umschlungen, Millionen!›»

Doch auch die chauvinistischen Kräfte glaubten, in der Neunten die geeignete ideologische Munition zu finden – und zwar in genau derselben Devise «Seid umschlungen, Millionen!», die sie als Legitimation zur Unterjochung und Einvernahme anderer Länder und Völker auslegten. Die deutschen Nationalsozialisten hielten Beethoven gar für einen Wahlverwandten und erklärten ihn zum «germanischen Meilensteinmenschen». Der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg war der Ansicht, dass Beethovens Musik «das Stürmende über den Trümmern einer zusammenbrechenden Welt» verkörpere, und behauptete: «‹Laufet Brüder, eure Bahn, / Freudig, wie ein Held zum Siegen!› So lautet der Höhepunkt der Neunten Symphonie.»

Dennoch blieb die Vision der Menschheitsverbrüderung für die Nazis eine heikle Angelegenheit. Was den bereits erwähnten Hanns Eisler wiederum zu einer glänzenden Polemik veranlasste: «Können wirklich die Faschisten dieses Werk übernehmen?», fragte er. «Bei ihnen müssten doch die Worte ganz anders lauten, nämlich so: ‹Alle Menschen werden Brüder, mit Ausnahme sämtlicher Völker, deren Land wir annektieren wollen, mit Ausnahme der Juden, der Neger und vieler anderer›.»

Die politische und weltanschauliche Karriere der Neunten Sinfonie war mit dem Untergang des «Tausendjährigen Reichs» freilich keineswegs beendet. Seit 1972 fungiert Beethovens Freudenmelodie als offizielle Europahymne – mit der Botschaft der Versöhnung und dem Ziel, die Gräben zwischen den alten Feinden zu schliessen. Oder wie es bei Schiller heisst: «Deine Zauber binden wieder, / Was die Mode streng geteilt.» Mit dieser Deutungsvariante dürfte es jedenfalls auch künftig für die Neunte im politischen Betrieb noch viele Einsatzmöglichkeiten geben. Im Konzertleben ist sie ohnehin unverzichtbar.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Auch für die Berliner Philharmoniker ist Beethovens Neunte in diesem Sommer mit einem besonderen Anlass verknüpft, eröffnet Kirill Petrenko mit ihr doch offiziell seine Amtszeit als neuer Chefdirigent – in Berlin wie auch am 28. August bei LUCERNE FESTIVAL.

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