«Dieses Räuber- und Mördersystem». Béla Bartók im Kampf gegen den Faschismus

Béla Bartók hat die Musik erneuert, indem er ihre uralten Wurzeln erkundete. Ab 1905 begann er, seine ungarische Heimat zu durchwandern, um systematisch die Volksmusik zu erforschen. Er zog über die Dörfer und liess sich von den Bäuerinnen Lieder vorsingen, die schon deren Grossmütter gesungen hatten. Ziegenhirten spielten für ihn auf der Flöte, Dorfmusikanten auf der Fiedel oder dem Dudelsack. Bartók zeichnete all diese Melodien akribisch auf, bis am Ende Zigtausende von Volksweisen zusammenkamen. Sie wurden zum Dreh- und Angelpunkt seiner eigenen kompositorischen Arbeit, indem er bestimmte Spezifika in seine avancierte Klangsprache übernahm: charakteristische Melodietypen etwa oder die alten Kirchentonarten oder die freie, flexible Rhythmik.

Dass Bartók in den 1930er Jahren ausgerechnet mit diesem Konzept zum Intimfeind der nationalistischen Kreise in Ungarn wurde, mag auf den ersten Blick sonderbar erscheinen. Doch Bartóks Liebe für die archaische Bauernmusik kannte keine Grenzen. Weshalb er sich auch nicht auf sein Heimatland beschränkte, sondern seine Exkursionen bald nach Rumänien und in die Slowakei ausdehnte, nach Bessarabien und Moldawien, ja, bis in die Türkei und nach Nordafrika. Denn er war beseelt von dem Gedanken, «die uralten Kulturbeziehungen weit auseinandergeratener Völker aufzuzeigen»; er glaubte, «dass alle Volksmusik der Erdkugel im Grunde genommen auf eine geringe Zahl Urformen, Urtypen, Urstilarten zurückführbar» sei. Es ging Bartók also um den Gedanken der Völkerverbindung und -freundschaft. Und gerade nicht um Nationalismus.

Kein Wunder, dass er mit dieser Prämisse im präfaschistischen Ungarn des Admirals Miklós Horthy zur Zielscheibe einer rechtsgerichteten Pressekampagne wurde. Man beschimpfte Bartók als «Antipatrioten», warf ihm vor, dass seine Musik «destruktiv» sei und nur «hyperintellektuellen Gruppen» diene; ja, man behauptete sogar, dass er mit seinen pädagogischen Werken die Jugend verderbe. «Sie sollten doch versuchen, die Kinder selbst wählen zu lassen», schlug der Autor der Kolumne «Mit spitzer Feder» in der Zeitung Magyar Kultúra dem desavouierten Bartók vor: «Ich möchte wetten, dass sie sich mit vor Begeisterung gerötetem Gesicht für die Soldatenmärsche, die Giovinezza und das Horst-Wessel-Lied entscheiden.»

Verschärfend kam hinzu, dass sich Bartók auch politisch deutlich gegen die Nazis und gegen Mussolinis Italien positioniert hatte, während die ungarische Regierung mit genau diesen Systemen den Schulterschluss suchte. Als in Deutschland Mendelssohn, Schönberg und Hindemith verboten wurden, schrieb Bartók einen offenen Brief an alle Zeitungen und erklärte, dass er jegliche Aufführungen seiner eigenen Musik dort künftig untersage. Nur zwei Blätter wagten es, den Brief zu veröffentlichen. Bartók musste zusehends seine eigene Machtlosigkeit erfahren. Spätestens im März 1938, nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich, wurde ihm bewusst, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis «sich auch Ungarn diesem Räuber- und Mördersystem ergibt. Die Frage ist nur, wann, wie! Wie ich dann in so einem Lande weiterleben oder – was dasselbe bedeutet – weiterarbeiten kann, ist gar nicht vorstellbar. Ich hätte eigentlich die Pflicht auszuwandern, so lange es noch möglich ist.»

Doch eines hielt ihn vorerst davon ab: Bartók wollte seine alte, kranke Mutter nicht allein in Ungarn zurücklassen. Deshalb traf er zunächst nur vorbereitende Massnahmen, brachte etwa seine Manuskripte in Sicherheit, indem er sie beim Verlag Boosey & Hawkes in London deponierte. Nach dem Tod der Mutter im Dezember 1939 aber war die Frage der Emigration entschieden. Unter dem Vorwand einer gemeinsamen Konzerttournee machte sich Bartók 1940 mit seiner zweiten Frau, der Pianistin Ditta Pásztory, auf den Weg in die USA. Der Zweite Weltkrieg war schon in vollem Gange, und so war es eine gefährliche Unternehmung, die das Ehepaar über die Schweiz, Frankreich und Spanien bis nach Lissabon führte, wo sie am 20. Oktober ein Schiff bestiegen. In Budapest hatte Bartók zuvor sein Testament hinterlegt, in dem er verfügte, dass dort nirgendwo eine Gedenktafel für ihn angebracht werden dürfe, «solange es in Ungarn Plätze oder Strassen gibt, die nach diesen beiden Menschen benannt sind». Und es war jedem klar, dass er damit Hitler und Mussolini meinte.

Seine letzten fünf Lebensjahre verbrachte Bartók im amerikanischen Exil – es war eine schwere Zeit. Bereits die Widrigkeiten bei der Ankunft wirkten wie ein böses Omen: Das Gepäck der Bartóks war in Spanien nicht durch den Zoll gekommen und traf erst mit dreieinhalb Monaten Verspätung ein; in der Zwischenzeit behalfen sie sich mit abgelegter Kleidung von Freunden oder Bekannten. Die finanzielle Situation war für sie ernüchternd, denn die ersehnten pianistischen Engagements blieben aus. Was Aufführungen seiner Musik anging, so musste Bartók sogar «eine Quasi-Boykottierung meiner Werke» konstatieren. Er litt unter dem Lärm und der Hektik in New York, fand keine ruhige Wohnung und vermisste schmerzlich die unberührte Natur. Und dann erkrankte er auch noch an Leukämie. Béla Bartók starb in der Emigration, am 26. September 1945, wenige Monate nach dem Kriegsende in Europa. Gewiss hat er noch mitbekommen, wie sehr die Musikszene in Ungarn seine Rückkehr ersehnte. Die Genugtuung aber, in der Heimat triumphal empfangen zu werden, durfte er nicht mehr erfahren.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Béla Bartók beim Sommer-Festival 2019:
19. August | Leonidas Kavakos & Yuja Wang
Bartók Rhapsodie für Violine und Klavier Nr. 1 Sz 86

26. August | Gewandhausorchester Leipzig, Andris Nelsons & Sir András Schiff
Bartók Klavierkonzert Nr. 3 Sz 119

3. September | Daniel Lebhardt
Bartók Im Freien Sz 81

3. September | Royal Concertgebouw Orchestra, Tugan Sokhiev & Tabea Zimmermann
Bartók Konzert für Viola und Orchester Sz 120

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