Per Fusstritt in die Freiheit. Wie Mozart den Schritt vom Fürstendiener zum Freelancer wagte

Wolfgang Amadé Mozart, unvollendetes Portrait von Joseph Lange

Klarer kann eine Kündigung kaum sein: Mit einem Fusstritt in den Allerwertesten flog Wolfgang Amadé Mozart 1781 aus fürstlichen Diensten. Gerade hat er in München seine Oper Idomeneo herausgebracht (und den dafür gewährten Sonderurlaub um ganze drei Monate überzogen), da beordert ihn sein Brotherr, der Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo, nach Wien. Sich erneut in den ungeliebten Hofdienst zu finden, fällt Mozart nach den Münchner Erfolgen besonders schwer, und so verschlechtert sich das ohnehin schon angespannte Verhältnis zu Colloredo zusehends. Ja, Mozart scheint seinen Rauswurf geradezu zu provozieren: Obwohl ihm alle Nebenbeschäftigungen untersagt sind, setzt er einen Soloauftritt in der Tonkünstler-Sozietät durch. Er quartiert sich, abseits vom Salzburger Hofstaat, bei der Witwe Weber ein (deren Tochter Konstanze es ihm angetan hat). Und als ihn Colloredo nach Salzburg zurückschickt, kontert Mozart, der in Wien bleiben will, mit der Ausrede, die Postkutsche sei ausgebucht. Als «lumpen» und «liederlichen kerl» beschimpft ihn daraufhin der Fürsterzbischof und ruft aus: «Scherr er sich weiter, wen[n] er mir nicht recht dienen will.» Mozart nimmt ihn beim Wort und reicht seine Kündigung ein.

Hier kommt nun Carl Joseph Maria Felix Graf von Arco ins Spiel. Als Oberstküchenmeister zuständig für das Personal, unternimmt er zunächst einen Vermittlungsversuch, kommt Mozarts wiederholten Entlassungsgesuchen aber schliesslich entnervt nach: «Da schmeisst er mich zur thüre hinaus, und giebt mir einen tritt im hintern», berichtet Mozart, der genau das erhofft hat – nicht den Fusstritt, wohl aber die sofortige Auflösung des Dienstverhältnisses. Denn er will in Wien sein Glück als freischaffender Künstler versuchen. Freelancer statt Festanstellung – das war im späten 18. Jahrhundert noch äusserst ungewöhnlich. Musik und Musiker standen in kirchlichem oder höfischem, allenfalls städtischem Sold. Und so war Mozart einer der ersten Komponisten, die den Schritt in die künstlerische Selbständigkeit wagten.

Doch der Reihe nach: Als Kinderstar war «Wolferl» mit seiner Familie jahrelang durch Europa gereist. Er hatte seine Kunst gekrönten Häuptern vorgeführt, war von ihnen geherzt und gehätschelt, bestaunt und reich beschenkt worden. Insofern ist verständlich, dass er seine Heimatstadt Salzburg zunehmend als eng und die dortigen musikalischen Möglichkeiten als Konzertmeister der Hofkapelle als allzu beschränkt empfindet. Zumal der seit 1772 amtierende Colloredo ein sparsamer Herrscher ist und die höfische Repräsentation einschränkt. «Ich lebe in einem Land, wo die Musik nur sehr geringes Glück hat», klagt Mozart. Salzburg, ohne laufenden Opernbertrieb, sei «kein Ort für mein Talent». Vor allem aber fühlt sich Mozart, der «so stolz seyn [kann] wie ein Pavian», in seiner Künstlerehre gekränkt. Colloredo räumt ihm nämlich keine Sonderstellung ein, sondern taxiert ihn als Kunsthandwerker, der sich in die höfische Hierarchie zu finden hat und an der Tafel zwischen Leibkammerdienern und Köchen platziert wird.

Schon Vater Leopold hatte auf attraktivere Tätigkeitsfelder für seinen Sohn hingearbeitet – eine Karriere als Opernkomponist, einen prestigeträchtigen Hofkapellmeisterposten –, war mit seinen Vorstössen indes gescheitert. Mal ist es Kaiserin Maria Theresia höchstselbst, die ihrem Sohn Erzherzog Ferdinand von einer Anstellung Mozarts abrät, weil diese Leute «wie Bettler durch die Lande ziehen». Mal (Stichwort «Machtspiele») hintertreiben Neider die Wiener Premiere von La finta semplice, der Opera buffa des Zwölfjährigen. Als Colloredo dann Mozarts Reisetätigkeit beschneidet (was es ihm verunmöglicht, anderorts Werbung für sich zu machen), bittet dieser 1777 erstmals um die Entlassung aus dem Dienst – und beglückt seinen geistlichen Brotherrn mit dem ebenso bibelfesten wie forschen Argument, schon das Evangelium lehre den «Talentwucher», also die bestmögliche Weiterentwicklung der eigenen Begabung, was in Salzburg nicht gewährleistet sei. Der Fürsterzbischof vermerkt sarkastisch, «dass Vater und Sohn nach dem Evangelio die Erlaubniss haben, ihr Glück weiter zu suchen».

In den folgenden anderthalb Jahren – in jener Zeit also, in der das Flötenkonzert KV 313 entsteht, das Emmanuel Pahud beim Sommer-Festival interpretiert – reist Mozart nach München, Mannheim und Paris, auf der Suche nach einem «guten dienst, gut in Caractére und gut in geld – es mag seyn wo es will», wie er von den Ufern der Seine schreibt. Doch in München gibt es «keine vacatur», in Mannheim «ist es dermalen nichts mit dem Kurfürsten», und in Paris vermag sich Mozart während seines kurzen Aufenthalts nicht gegen die Platzhirsche durchzusetzen. Dass er sich schwertut, eine neue Stelle zu ergattern, hängt auch mit seinem Charakter zusammen, mit seinem undiplomatischen Auftreten und seinem überschiessenden Selbstbewusstsein. Und vielleicht auch damit, dass er bereits eigene Vorstellungen von künstlerischer Selbstverwirklichung zu entwickeln beginnt. Jedenfalls erwägt Mozart Arrangements jenseits des üblichen Erwartungshorizonts. So erwähnt er ein «Project», das der Wirt des Münchner Gasthofs «Zum Schwarzen Adler» zur Sprache gebracht haben soll: «er wollte 10 gute freünde zusammen bringen, wo ein jeder Monatlich nur 1 Ducaten spendiren dürfte, dass sind das Monath 10 Ducaten, 50 gulden, jährlich 600 fl: – – wie gefällten den Papa dieser gedancke?» Gar nicht gefiel solch ein Gedanke dem Papa. Vielmehr setzte Leopold Mozart alles daran, den Sohn schleunigst nach Salzburg zurückzuholen. Wo dieser, als seine Sondierungen in der Fremde ergebnislos bleiben, schliesslich auch wieder landet, nun als Hoforganist mit höherem Gehalt. Zwei weitere Jahre hält er es an der Salzach aus, dann kommt es zum eingangs geschilderten endgültigen Zerwürfnis mit Colloredo.

Nach seiner Übersiedlung in die Donaumetropole feiert Mozart rasch Erfolge. Sein Singspiel Die Entführung aus dem Serail sorgt für Begeisterungsstürme, er ist ein beliebter Lehrer, und seine selbst veranstalteten Akademien, in denen er als Komponist und Tastenvirtuose in Personalunion auftritt, stossen im «Clavierland» Wien auf reges Interesse – etwas das G-Dur-Klavierkonzert KV 453, das Martin Helmchen gemeinsam mit Andris Nelsons und dem Leipziger Gewandhausorchester beim Sommer-Festival spielt. Nach einigen Jahren beginnt Mozarts Stern allerdings zu sinken. Das Publikum bleibt aus; seine berühmten drei letzten Sinfonien etwa, sicherlich nicht für die Schublade, sondern für den Konzertsaal komponiert, kann er allem Anschein nach nie zur Aufführung bringen. Über die Gründe lässt sich trefflich spekulieren. Waren die rasch wechselnden Vorlieben des Wiener Publikums verantwortlich? War Mozart in seiner Kunst zu anspruchsvoll, zu persönlich geworden? Wurde er ein Opfer der allgemeinen Wirtschaftskrise, die infolge überstürzter Reformen und Kriegsabenteuer des österreichischen Staats eintrat?

All das mag seinen Anteil gehabt haben. Der freie Markt der musikalischen Möglichkeiten, den Mozart mit künstlerischem und unternehmerischem Wagemut zu erobern auszog, war einfach noch zu wenig entwickelt und zu instabil, um ein finanziell abgesichertes Dasein zu gewährleisten. Und so sah sich Mozart auch in seiner Wiener Zeit nach auskömmlichen Festanstellungen um: 1787 wird er k.k. Kammermusicus. 1789 reist er nach Berlin, in der – enttäuschten – Hoffnung auf einen Posten am preussischen Hof. 1791 ernennt man ihn zum Adjunkten des kränklichen Domkapellmeisters von St. Stephan, dessen Nachfolge er wohl angetreten hätte, wäre er nicht noch im selben Jahr gestorben. Grundsätzlich abgelehnt hat Mozart feste Ämter also nicht, dazu war er denn doch zu sehr Realist. Aber er war einer der ersten, die den Schritt vom Fürstendiener zur frei schwebenden Künstlerexistenz wagten, zumindest zeitweise. Und hat mit seiner selbstbewussten Emanzipation von Fürsterzbischof Colloredo auf eine neue Zeit vorausgewiesen, in der die sozialen Hierarchien durchlässiger werden und Künstler sich eine ganz neue Position erobern sollten.

Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Neben dem grossen Mozart-Da Ponte-Zyklus mit Teodor Currentzis, bei dem vom bis September Mozarts Figaro, Don Giovanni und Cosi fan tutte zur Aufführung gelangen, erklingen auch sein Flötenkonzert in G-Dur KV 313 (mit Emmanuel Pahud), sein Klavierkonzert in G-Dur KV 453 (mit Martin Helmchen) und seine Violinsonate (mit Leonidas Kavakos und Yuja Wang). Ausserdem gestalten Cecilia Bartoli und Teodor Currentzis bei ihrem ersten Zusammentreffen einen Mozart-Abend.

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