«Zum Teufel mit der künstlerischen Neutralität!» Igor Levit über Musik und Macht

Beim Sommer-Festival 2019 eröffnet Igor Levit mit zwei Rezitalen und unter anderem der Waldstein-Sonate und Les Adieux seinen grossen Luzerner Zyklus mit sämtlichen Klaviersonaten Ludwig van Beethovens, die er in diesem und dem kommenden Jahr aufführen wird. Vorab hat er mit Anselm Cybinski über Beethoven und das diesjährige Festivalthema «Macht» gesprochen.

Igor Levit (Foto: Felix Broede)

«Freyheit über alles lieben, Wahrheit nie (auch sogar am Throne nicht) verläugnen»: Beethovens Eintrag ins Stammbuch der jungen Johanna Theodora Vocke aus dem Jahr 1793 ruft zu grösster Wachsamkeit gegenüber den Mächtigen auf. Wie aktuell sind solche Gedanken für Sie anno 2019?
Sie werden immer aktueller! Was Wahrheit ist, scheint einerseits ja völlig klar und konsensfähig zu sein: Der Klimawandel ist Realität, Töten geht nicht, alle Menschen sind gleich geboren. Andererseits haben wir es in der Weltpolitik, gerade auch in den modernen Demokratien heute, mit einem derart brutalen Ausradieren von Wahrheit zu tun, mit so viel hinterhältigem Framing und Re-Framing und so absurden Lügen, dass wir Beethovens Satz wirklich wieder ganz wörtlich nehmen müssen. Jede und jeder von uns muss in seinem oder ihrem persönlichen Umfeld dafür eintreten und danach handeln!

Gibt Beethoven, erst Bewunderer, dann Kritiker Napoleons, der Komponist des Fidelio und lebenslange Kostgänger des Hochadels, eigentlich ein klares Vorbild in Sachen Haltung zur Macht ab?
Gibt John F. Kennedy ein solches Vorbild ab? Er hätte sich in der Bürgerrechtsbewegung der USA stärker für die Schwarzen positionieren können. Ist der Dalai Lama ein eindeutiges Vorbild? Vollkommene Kohärenz in solchen Fragen ist ganz selten. Dmitri Schostakowitsch ist vielleicht das tragischste Beispiel eines zwischen Subversion und Anpassung, Mut und schierer Angst zerriebenen Künstlers. Mit welchen Dirigenten arbeite ich als Musiker zusammen? Gebe ich eine korrumpierte Auszeichnung wie den «Echo Klassik» zurück? Das sind Fragen, die ich als ausübender Solist zu beantworten habe. Die ultimativen Bruchlinien verlaufen dort, wo es um Menschenrechte, um Rassismus, um Gewalt geht. Und da ist Beethovens Vorbild in der Tat sehr eindeutig.

Dabei ist Beethoven, trotz allen Freiheitsdrangs, doch auch ein recht autoritärer Komponist.
Total autoritär! Seine kompromisslose Wahrhaftigkeit; die absolute Entschlossenheit, nichts Unwichtiges, Beiläufiges zuzulassen; das Bestehen auf dem geschriebenen Text; der emphatische Werkbegriff – alles ziemlich strikt. Zur Realität gehört aber auch, dass Beethoven tot ist. Keine Frage, er verlangt und fordert viel von mir. Aber jetzt ist 2019. Ich bin frei. Ich entscheide selbst. Beim ersten Soloeinsatz im langsamen Satz des Fünften Klavierkonzerts lautet die Vortragsanweisung «dämmernd». Was genau soll das bedeuten? Wie, bitteschön, soll ich «dämmernd» spielen? Dahinter steckt eine so visionäre, eine so utopische Ausdruckshaltung, dass feste Vorgaben obsolet werden. Beethovens Musik ist ja voll von solchen Ideen, die alles Bekannte transzendieren!

Wie viel Nähe zur Macht ist für einen Künstler in Ihren Augen angemessen? Könnten Sie sich vorstellen, eine politische Bewegung mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen?
Auf jeden Fall. Zum Teufel mit der künstlerischen Neutralität! Ich will nicht Künstler sein um den Preis, meine Sorgen und meine Überzeugungen nicht in konkret politisches Handeln übersetzen zu dürfen. Doch natürlich muss ich die Möglichkeit haben, auch wieder Abstand zu nehmen, wenn mir das Gebaren der Mächtigen missfällt.

Sie pflegen sich sehr regelmässig politisch zu äussern. Sollten Künstlerinnen und Künstler sich generell lauter einmischen, wenn es um Fragen von Gerechtigkeit, Offenheit und Toleranz geht?
Unbedingt ja. Aber nicht, weil sie Künstler sind. Sondern als zivile Aufgabe, die jeden von uns betrifft!

Worauf sollten Künstlerinnen und Künstler achten, wenn ihnen selbst Macht über andere Menschen gegeben ist?
Einem Künstler wird Macht nicht verliehen wie einem Erben, dem sein Rang qua Abstammung zufällt. Ein Künstler baut sich diesen Rang auf, und der einmal gewonnene Einfluss kann sehr schnell wieder weg sein. Ich glaube, es ist wichtig, aus einer solchen Position heraus nie zu vergessen, woher man einmal kam, und die Erinnerung an den eigenen Weg nicht zu verlieren. Es gibt einflussreiche, mächtig gewordene Künstler, die den nachfolgenden Generationen den Anspruch auf die eigene Karriere nicht mehr so recht zuzugestehen scheinen. Sie missbilligen den Wunsch eines ehrgeizigen jungen Musikers nach Erfolgen bei Wettbewerben zum Beispiel, das Bedürfnis nach Anerkennung innerhalb eines Systems, das sie, die inzwischen Arrivierten, längst hinter sich gelassen zu haben meinen. Jede Generation muss die Auseinandersetzung mit den Konventionen neu führen und den Weg in die künstlerische Individualität auf eigene Weise beschreiten.

Andererseits und wiederum ganz allgemein gesprochen: Ist es heute nicht besonders heikel, ökonomische, politische oder symbolische Macht auszuüben? Weil die Öffentlichkeit so überaufmerksam kontrolliert und bewertet, was von den Mächtigen geäussert wird – Stichwort politische Korrektheit, Stichwort soziale Medien?
Ja, das stimmt. Und zwar von beiden Seiten her, von der Seite der Beobachtenden wie der Agierenden. Der politisch-gesellschaftliche Diskurs ist oft genauso gedankenlos wie der musikalische. Da herrscht, was ein guter Freund von mir «Schrumpfdenken» zu nennen pflegt: In der Hitze der dauererregten Internet-Öffentlichkeit produzieren wir ständig Überschriften, simple Parolen. Zu behaupten: «Ich bin gegen rechts», das ist noch keine Politik! Genauso wenig wie es ausreicht, wenn ich als Musiker meine Interpretation damit begründe, dass ich sage: «Ich empfinde es so». Wir alle sind heute mehr denn je zu Bedachtsamkeit und Strenge gegenüber uns selbst aufgefordert.

Interview: Anselm Cybinski

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2 Antworten auf «Zum Teufel mit der künstlerischen Neutralität!» Igor Levit über Musik und Macht

  1. Herr Levit:

    Zu Beethoven: Es geht ja immer wieder darum, wer der „beste Komponist aller Zeiten“ war. Meistens heisst es dann Bach oder Mozart. Beethoven kommt zwar immer aufs Podest, dabei gehört ganz klar ihm die Goldmedaille, weil er nicht einfach für irgendwelche kirchliche oder adelige Auftraggeber sozusagen wild drauflosschrieb, sondern sich auch mit den Griechen, Shakespeare, Kant und Co. befasste, ethische Prinzipien hochhielt, politisch Rückgrat bewies und praktisch in jeder Gattung „das“ Spitzenprodukt ablieferte (Missa solemnis, 9. Symphonie, Violinkonzert, 5. Klavierkonzert, Erzherzogtrio, Quartett cis-moll (oder B-dur, wenn Sie wollen), Hammerklavierkonate, Kreutzersonate, Cellosonate A-Dur, alles nie mehr zu toppen….) Er hat verarbeitet, was vor ihm war (Bach, Händel, Haydn, Mozart) und dann das 19. Jahrhundert geradezu dominiert. Der „kleine grosse“ Schubert hat sich zu Recht gefragt, was man da denn noch machen soll. Seine Antwort: Die besten Lieder aller Zeiten. Tschaikowskys Antwort: Die besten Ballette aller Zeiten. Auch Wagner hatte eine (von Beethoven mitinspirierte) Lösung („Gesamtkunstwerk“). Unter den Symphonikern haben eigentlich erst Mahler und Schostakowitsch deutlich über Beethoven hinauskomponiert. Beethoven-Nachfolger waren auch diejenigen, die explizit auf Distanz gingen zu ihm (Verdi, Debussy, Schönberg). Im Übrigen ist der „Fidelio“ genau gleich gut wie die „Zauberflöte“ – er hat keine einzige schwache Nummer, nur ist er insgesamt halt einfach weniger „kindertauglich“.

    Zur Macht: Wenn Sie mit Herrn Gergiev, Frau Netrebko oder anderen „Putinfritzen“ (Nb: Ich bin auch kein „Trumpfritz“) spielen würden, wäre ich auf Anhieb schon ein bisschen enttäuscht. Aber vielleicht können Sie mir sagen, warum sich ein gemeinsamer Auftritt trotzdem lohnen würde.

    Zu Ihrem Zyklus: Ihr erster Abend im KKL war grossartig. Wenn Sie so weitermachen, schlagen Sie auf jeden Fall Andras Schiff und alle anderen, ausser vielleicht Friedrich Gulda. (Ich habe nicht nur Bach, sondern auch Beethoven gerne ein bisschen „rockig“ oder „jazzig“ – bei Mozart geht auch das nicht). Aber letztlich ist das ja Geschmackssache. Die Zugabe am Mittwoch war nett, aber Sie hätten nach der Waldsteinsonate das Andante favori bringen sollen. Nun können Sie sich am kommenden Sonntag ja mit der Polonaise Opus 89 schadlos halten. Die hört man praktisch nie und ist auch gut. Analog wären im Herbst dann die Fantasie Opus 77 und 1-3 Bagatellen aus Opus 33 angesagt. Es muss aber nicht unbedingt Beethoven sein. Schiff und Sokolov spielen nach dessen «Schlachtrössern» jeweils gern auch noch etwas von Schubert. Damit bleiben sie auf höchstem Niveau, egal ob kurz oder lang.

    Freundliche Grüsse, Adrian Kübler

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