«Einer hat’s tun müssen». Arnold Schönberg und die «Vorherrschaft der deutschen Musik»

«Einer hat’s tun müssen. Keiner hat’s sein wollen. So hab’ ich mich dafür hergegeben», antwortete Arnold Schönberg auf die Frage eines Vorgesetzten beim Habsburger Militär, ob er denn derjenige sei, der so schrecklich moderne Musik schreibe. Die Aussage ist bezeichnend für das machtvolle Sendungsbewusstsein des Komponisten. «Ich wusste, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen hatte», schrieb er 1937 in seinem Aufsatz Wie man einsam wird. «Ich hatte auszudrücken, was ausgedrückt werden musste, und ich wusste, dass ich die Pflicht hatte, meine Vorstellungen um des Fortschritts in der Musik willen zu entwickeln, ob ich wollte oder nicht.»

Was in diesen Bekenntnissen nach demütigem Dienst an der Kunst und Aufopferung klingt, war allerdings mit einem bemerkenswerten Anspruch verknüpft. Als Schönberg 1921 seine Zwölftonlehre entwickelte, proklamierte er: «Ich habe eine Entdeckung gemacht, durch welche die Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten 100 Jahre gesichert ist.» Das ist eine in jeder Hinsicht interessante Aussage: Schönberg begreift sich als Speerspitze der Avantgarde, als Retter und Prophet seiner Zunft. Man mag sich wundern, warum es ihm, dem Österreicher, dessen Eltern aus Ungarn bzw. Böhmen stammten, so sehr um die «deutsche Musik» ging. Doch kann man hier noch argumentieren, dass sich Schönberg in der grossen «deutschen» Traditionslinie von Beethoven und Brahms sah. Warum er allerdings glaubte, dieses Erbe gegen fremde Hegemonialbestrebungen verteidigen zu müssen, ist sonderbar. Wäre es denn so schlimm gewesen, wenn ein Béla Bartók, ein Igor Strawinsky oder ein Claude Debussy mit ihren jeweiligen Konzepten die «Vorherrschaft» für das nächste Jahrhundert übernommen hätten?

Patricia Kopatchinskaja interpretiert beim Sommer-Festival 2019 Schönbergs Violinkonzert, gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko.

Die Deutschen aber, deren Stellung in der Musik Schönberg zu sichern wünschte, wussten es ihm herzlich wenig zu danken. Gewiss, Antisemitismus hatte er auch in Österreich schon zur Genüge zu spüren bekommen. Etwa als er 1921 seinen Sommerurlaub in Mattsee im Salzburger Land verbringen wollte. Dort hatte der Gemeinderat gerade beschlossen, Juden den Aufenthalt zu verweigern. Schönberg, der 1898 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten war und sich protestantisch hatte taufen lassen, wurde deshalb aufgefordert, Dokumente einzureichen, aus denen zweifelsfrei hervorging, dass er kein Jude sei. Schönberg verzichtete und zog es vor, den Ort lieber zu verlassen. «Es war zum Schluss sehr hässlich in Mattsee», berichtete er. «Die Leute dort haben mich scheinbar so verachtet, wie wenn sie meine Noten kannten.»

Als Schönberg 1925 an die Preussische Akademie der Künste berufen wurde, um die Nachfolge Ferruccio Busonis als Kompositionsprofessor anzutreten, stiess er auf blindwütigen Hass in der rechtsorientierten Presse. «Ausgerechnet jetzt, da die deutsche Musik sich langsam zu erholen beginnt, wagt man diesem Mann die höchste staatliche Approbation für seine Irrlehren zu geben», geiferte der Musikkritiker Alfred Heuss. «Das ist auf eine Kraftprobe zwischen Deutschtum und – nun heisst es ebenfalls offen zu werden – spezifisch jüdischem Musikgeist abgesehen.» Es waren die Vorboten der neuen düsteren Zeit, die 1933 anbrechen sollte. Denn mit der Machtübernahme der Nazis hatte Schönberg jegliche berufliche Perspektive in Deutschland verloren. Das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums», das am 7. April 1933 in Kraft trat, führte zu seiner Entlassung. Und an Aufführungen seiner Werke war nun auch nicht mehr zu denken.

Schönberg zog die Konsequenz und folgte dem dringenden Ratschlag seines Schwagers, des Geigers Rudolf Kolisch, der ihm «Luftveränderung» nahegelegt hatte: Am 17. Mai 1933 reiste er mit seiner Familie nach Frankreich aus, wo er zwei Monate später, am 24. Juli, zum jüdischen Glauben rekonvertierte. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, bewarb er sich am neugegründeten Bostoner Malkin-Konservatorium, dem er Kurse in der musikalischen Formenlehre anbot. Die Leitung des Instituts griff den Vorschlag auf, zahlte sogar einen Vorschuss, und so traten die Schönbergs Ende Oktober 1933 die Schiffspassage über den Atlantik an.

Die USA sollten die Zufluchtsstätte für seine letzten 18 Jahre werden – nach Europa ist Schönberg nie mehr zurückgekehrt. Aber die «Neue Welt» erwies sich als hartes Pflaster. Zwar durfte Schönberg ab 1935 an den Universitäten von Südkalifornien und in Los Angeles lehren, doch war seine Anstellungszeit dort so kurz, dass er nach seiner Pensionierung im Jahr 1944 nur die lächerliche Rente von 38 Dollar monatlich erhielt. Ein Guggenheim-Stipendium, um das er sich bewarb, blieb ihm versagt, Pläne einer Filmmusik für Metro Goldwyn Mayer zerschlugen sich. Und da sich die Amerikaner nicht unbedingt für seine Musik interessierten, sie auch kaum aufführten, musste Schönberg konstatieren: «Seit wenigstens hundert Jahren bin ich sicher der einzige Komponist meines Ranges, der noch nicht vom Erträgnis seines Schaffens leben kann, ohne durch Unterricht sich sein Brot verdienen zu müssen.» Weder seine österreichische Heimat noch Deutschland haben nach 1945, nach der Befreiung vom Naziterror, an eine Entschädigung gedacht. Und mit der «Vorherrschaft der deutschen Musik», die er «gesichert» zu haben glaubte, sollte es bekanntlich auch etwas anders laufen.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Werke Arnold Schönbergs beim Sommer-Festival 2019:
Patricia Kopatchinskaja interpretiert bei ihrem gastspiel mit den Berliner Philharmonikern und Kirill Petrenko am 29. August Schönbergs Violinkonzert. Und Riccardo Chailly bringt am 8. September mit dem Orchester der LUCERNE FESTIVAL ALUMNI die Fünf Orchesterstücke op. 16 zur Aufführung.

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