«Ich muss mit aller Kraft gegen meine Natur ankämpfen.» Pjotr Iljitsch Tschaikowsky und das «unergründliche Walten der Vorsehung»

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Tschaikowskys letzte drei Sinfonien, die Nummern 4 bis 6, werden allesamt als «Schicksalssinfonien» bezeichnet. Der Komponist selbst war es, der diese Deutung in die Welt setzte: «Das ist das Fatum, jene verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert», schrieb er zum Beispiel über die einleitende Bläserfanfare der Vierten. Zur Introduktion der Fünften notierte er: «Vollständiges Sich-Beugen vor dem Schicksal oder, was dasselbe ist, vor dem unergründlichen Walten der Vorsehung.» Und über die Sechste heisst es, sie habe ein Programm, das «für alle ein Rätsel bleiben wird» – während der Arbeit habe er oft geweint. Tschaikowsky war geradezu besessen von der Idee des Schicksals: Schon 1868, ganz am Beginn seiner Laufbahn, hatte er eine Fantasie mit dem Titel Fatum komponiert, sie allerdings später wieder vernichtet. Nur: Was meinte Tschaikowsky damit eigentlich, was verstand er unter seinem Schicksal?

Zumindest in den 1870er Jahren, rund um die Entstehung der Vierten Sinfonie, verband Tschaikowsky damit seine Homosexualität. «Meine Prädilektion bildet das grösste, unüberwindliche Hindernis zu meinem Glück. Ich muss mit aller Kraft gegen meine Natur ankämpfen», schrieb er am 22. September 1876 in einem Brief. Unbegründet war seine Sorge nicht. Zum einen wurde die gleichgeschlechtliche Liebe von der Mehrheit der Gesellschaft als anomal oder gar als «Laster» empfunden, wie es Tschaikowsky sogar selbst nannte. Zum anderen aber, und das wog schwerer, galt sie im russischen Strafgesetzbuch auch als Straftatbestand, der in § 995 geregelt wurde: «Wer des widernatürlichen Lasters der Päderastie [gemeint ist die Homosexualität] überführt wurde, geht dafür aller Rechte seiner sozialen Stellung verlustig und wird zwecks Zwangsansiedlung nach Sibirien verbannt.» Mit anderen Worten: Wäre Tschaikowsky als Homosexueller ins Visier der Behörden geraten, dann hätte er seine berufliche Existenz eingebüsst und die gesellschaftliche Anerkennung verloren.

Seine Scheinehe mit Antonina Miljukowa, die er am 6. Juli 1877 überstürzt heiratete, hatte diesen Hintergrund und diente allein der Errichtung einer «bürgerlichen» Fassade. Doch scheiterte das Experiment kläglich: Nach nur fünf Tagen erkannte Tschaikowsky, dass ihm Antonina «in physischer Hinsicht absolut widerlich» sei; im Herbst kam es, nach einem mutmasslichen Selbstmordversuch und Nervenzusammenbruch des Komponisten, zur Trennung. Antonina willigte zwar ein, doch überzog sie ihn fortan mit Vorwürfen, und schlimmer noch: «Sie will mich erpressen, indem sie der Geheimpolizei über mich berichtet.» Die «verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert», hatte also abermals zugeschlagen.

Gemunkelt wurde über seine Neigungen ohnehin. Als Tschaikowsky am 10. September 1878 das Feuilleton der Zeitung Novoe vremja aufschlug, fand er zum Beispiel einen Artikel über die verdorbenen Sitten am Moskauer Konservatorium, in dem zunächst von «Amouren der Professoren mit jungen Mädchen» die Rede war. Aber dann folgte der Satz: «Es gibt am Konservatorium noch Amouren anderer Art …» Tschaikowsky war fest überzeugt: «Also hat in Gestalt einer Zeitungsverleumdung jenes Damoklesschwert, das ich mehr als alles auf der Welt fürchte, wieder nach meinem Hals geschlagen.» Und er sorgte sich: «Mein Ruf als Homosexueller fällt auf das ganze Konservatorium, und dadurch wird mir noch peinlicher und noch schwerer zumute.» Dass er in den Geiger Jossif Kotek, der ihn zu seinem Violinkonzert inspirierte, verliebt war, dass er eine enge Beziehung zum Dichter Alexej Apuchtin unterhielt, dass er in der homosexuellen Moskauer Clique «Die Dritte Suite» verkehrte und dass er am Ende seines Lebens zärtliche Gefühle für seinen Neffen Wladimir Dawydow hegte: Wer es wissen wollte, der wusste es ohnehin.

«Erst jetzt, besonders nach der Geschichte mit der Heirat, beginne ich endlich zu begreifen, dass es nichts Fruchtloseres gibt, als nicht der sein zu wollen, der man seiner Natur nach ist», gestand Tschaikowsky. Und fand allmählich zu einem Prozess des Umdenkens. Erstaunlich offen gab er in seinen Tagebüchern und Briefen über seine Neigungen Auskunft. In Russland und später in der Sowjetunion fielen diese Passagen allerdings der Zensur zum Opfer – bis in die 1990er Jahre dauerte es, ehe die ersten vollständigen Ausgaben erscheinen konnten. Und bis heute wollen die russischen Staatsorgane diese Seite des Komponisten lieber ausblenden. «Es gibt keine Beweise, dass Tschaikowsky homosexuell war», behauptete noch 2015 der russische Kulturminister Vladimir Medinsky.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens durfte Tschaikowsky die Erfahrung machen, dass Homosexuelle fast nie juristisch belangt wurden. Jedenfalls nicht, solang sie ihre Orientierung als Geheimnis bewahrten und gesellschaftliches Ansehen genossen – der mit dem Komponisten befreundete Grossfürst Sergej, ein Bruder des Zaren, bildete das prominenteste Beispiel. Tschaikowsky konnte also relativ unbesorgt leben. Aber die Furcht, ausgegrenzt und stigmatisiert zu werden, und die Erkenntnis, dass er sich nie ganz frei würde ausleben können, sie blieben sein «Fatum». Das Gerücht, dass Tschaikowsky zum Selbstmord gezwungen worden sei, weil er andernfalls verraten und vor Gericht gestellt worden wäre, lässt sich durch keinerlei Fakten erhärten. Und die Behauptung, er habe im ersterbenden Finale seiner Sechsten Sinfonie seinen angeblichen Freitod musikalisch vorweggenommen, steht ebenfalls auf tönernen Füssen. Genauso gut wäre denkbar, dass er diesen Schluss als Requiem für den gerade verstorbenen Freund Alexej Apuchtin umgesetzt hatte. Dies wäre dann auch der Schlüssel zum «geheimen Programm» dieser Sinfonie.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Drei Tschaikowsky-Sinfonien können Sie in den kommenden Tagen bei LUCERNE FESTIVAL ERLEBEN: Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker musizieren am 29. August die Fünfte, Valery Gergiev und sein Mariinsky Orchestra aus St. Petersburg tags darauf die Sechste, und Tugan Sokhiev dirigiert am Pult des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam am 3. September Tschaikowkys Erste Sinfonie «Winterträume».

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