Barblina Meierhans über ihr neues Werk «Engadiner Störung»

Das Quintett Many Many Oboes tritt in der Reihe «40min» auf, u. a. mit einem neuen Werk von Barblina Meierhans (Foto MC Delprat)

Viele verschiedene Oboeninstrumente können Sie im nächsten «40min»-Gratiskonzert am Donnerstag kennenlernen: Das Quintett Many Many Oboes präsentiert neben Werken von Matthias Arter, Vinko Globokar und Heinz Holliger auch eine Uraufführung von Barblina Meierhans. Die Schweizer Komponistin erläutert Entstehung und Konzeption ihres neuen Stücks.

Engadiner Störung basiert auf einer Recherche, welche ich über mehrere Monate in unmittelbarer Nähe des Inns durchgeführt habe. Interessiert haben mich einmal mehr die Extreme zwischen Rauschen und Klang bzw. in diesem Fall Ton. Aufmerksam geworden bin ich auf den Aspekt des Rauschens eines Wasserlaufs in seinen diversen Stati Jahre früher in Nairs. Bekannt war mir auch der Umstand, dass sich Menschen bei längerem Hinhören auf einen tosenden Fluss davon gänzlich entkontextualisierte klangliche Phänomene imaginieren können (z. B. Stimmen, Singen, Klingeln eines Geräts etc.). Diese vermeintliche Täuschung unserer Wahrnehmung führte zu teils interessanten Figuren- und Geschichtserfindungen und vermutlich Jahrtausende früher zur Entstehung von Mythen und mystischen Legenden. Faszinierend daran finde ich nicht unbedingt diese eher fantastischen Nebeneffekte, sondern vor allem auch die Gegebenheit, dass wir die vom lauten Rauschen maskierten Töne, welche ein reissender Fluss u. a. durch die Anregung der vorhandenen Modi einer ihn umgebenden Topografie eben auch mitproduziert, durchaus wahrzunehmen in der Lage sind, wenn auch im Mikro- und somit irrisierenden Bereich.

Die Basisidee der Komposition war denn auch der Versuch, diese Mikroklänge zu extrahieren. Während der akribischen Recherche und Aufzeichnung berücksichtigte ich sowohl die eigene Hörwahrnehmung, als auch die spektakulären Interpretationen eines digitalen Frequenzmessers. Einen Bruchteil dieser Analysen, 29 Tage der daraus generierten Töne, verwendete ich als harmonische und melodische Basis und ging dabei dem Konzept nach, die bestehende akustische Situation quasi umzukehren und damit die instrumentalen Gegebenheiten zu berücksichtigen, sprich: mit den komponierten Tonstrukturen das instrumentaltechnisch kaum mögliche Rauschen zu maskieren. Mich interessierten dabei, wenn auch in einer Komposition von zehn Minuten Spieldauer nur äusserst fragmentarisch und unzureichend andeutbar, einmal mehr das Spiel mit unserer Wahrnehmung und die Frage: Produziert das kaum Hörbare des Dazwischens ggf. unsere Imagination? Formal entschied ich mich für eine möglichst klare und aufs nötigste reduzierte Gliederung – Miniaturen. Entstanden ist eine Studie in vier Teilen für ein im Raum aufgestelltes Quintett.

Engadiner Störung ist ein geologischer Begriff und bezeichnet in etwa eine spezifisch im Unterengadin vorhandene sinistrale Seitenverschiebung von Gesteinsschichten.

Barblina Meierhans

Das Konzert:
40min
Donnerstag, 29. August 2019 | 18.20 Uhr | Luzerner Saal
Eintritt frei
Many Many Oboes: Matthias Arter, Martin Bliggenstorfer, Valentine Collet, Béatrice Laplante, Béatrice Zawodnik
Werke von Matthias Arter, Barblina Meierhans (Uraufführung), Heinz Holliger und Vinko Globokar

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