Erich Wolfgang Korngold: Vom Wunderkind zum Emigranten

Leonidas Kavakos spielt beim Sommer-Festival Korngold schwelgerisches Violinkonzert (Foto: Marco Borggreve)

Erich Wolfgang Korngold: Heute ist sein Name meist nur Eingeweihten ein Begriff, am ehesten den Opernfans. In den 1920er Jahren freilich sah das anders aus, denn damals galt der 1897 in Brünn geborene Komponist als Shooting-Star der Branche. Schon als 13-jähriges «Wunderkind» hatte er für Furore gesorgt, als die berühmte Wiener Hofoper seine Ballettpantomime Der Schneemann präsentierte. Im Jahr darauf brachte der Stardirigent Arthur Nikisch mit dem Leipziger Gewandhausorchester Korngolds Schauspiel-Ouvertüre op. 4 heraus; 1913 stand Felix Weingartner in Wien am Pult bei der Uraufführung der Sinfonietta op. 5, und 1916 hob Bruno Walter in München die beiden Operneinakter Der Ring des Polykrates und Violanta aus der Taufe. Korngolds erste abendfüllende Oper Die tote Stadt feierte dann sogar eine doppelte Weltpremiere, als sie am 4. Dezember 1920 zeitgleich in Hamburg und Köln auf die Bühne gelangte. Dreissig verschiedene Opernhäuser sollten das Werk in den folgenden drei Jahren in ihr Repertoire aufnehmen – Korngold schien sogar drauf und dran, dem grossen Richard Strauss den Rang abzulaufen.

Andererseits wurde Korngold schon früh zum Opfer von Macht- und Ränkespielen. Sein erstaunlicher Erfolg habe doch nur mit seinem Vater zu tun, hiess es, mit dem gefürchteten Musikkritiker Julius Korngold, der 1904 die Nachfolge Eduard Hanslicks bei der Neuen Freien Presse in Wien angetreten hatte. Von ihm behaupteten böse Zungen, er schreibe die «Rivalen» seines eigenen Filius in Grund und Boden. Auch über Erichs prominente Fürsprecher und Interpreten wurde gewitzelt: «Sie spielen die Sonate vom jungen Korngold, ist sie dankbar?» – «Die Sonate nicht, aber der Vater.» Hinzu kam der grassierende Antisemitismus, der auch vor der Familie Korngold nicht Halt machte.

Klar, dass sich die Situation mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 drastisch verschärfte. Korngolds Erfolgsstücke standen im wichtigen deutschen Musikmarkt plötzlich auf dem Index, Einladungen für Dirigate blieben dort ebenfalls aus. Da traf es sich gut, dass Korngold 1934 ein Telegramm des Regisseurs Max Reinhardt erhielt. Reinhardt war mittlerweile in Los Angeles zu Ruhm gelangt, mit seiner legendären Inszenierung von Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, die er in der Hollywood Bowl zeigte. Daraufhin trat die Filmfirma Warner Brothers an ihn heran und verpflichtete ihn für eine Kino-Adaption; die Musik für diesen Streifen, so wünschte sich Reinhardt aber, solle Korngold zusammenstellen, als Bearbeitung des Mendelssohn’schen Sommernachtstraums.

Im Oktober 1934 bestieg Korngold gemeinsam mit Ehefrau Luzi den Ozeandampfer Majestic und setzte nach Amerika über. Bei ihrer Ankunft in New York wurden sie von einem Rudel Reporter empfangen, wie sich Luzi erinnerte: «Bevor wir noch einen Fuss an Land gesetzt hatten, wurde Erich bereits mit Fragen bestürmt: ‹How do you like America? Was denken Sie über Hitler, Mr. Korngold? Werden Sie einen Kontrakt mit Hollywood abschliessen? Einen Moment, Mr. Korngold, bitte küssen Sie Ihre Frau!›» Für Korngold, der damals kaum Englisch sprach, war das gleich ein drastischer Eindruck der Neuen Welt. Doch für die Hitler-Frage hatte er sich bald die passende Antwort zurechtgelegt: «Ich glaube, dass Mendelssohn Hitler überleben wird», lautete sie.

So befremdlich den Korngolds der «American way of life» anfangs auch erschien – das Land wurde für sie zum Rettungsanker. Der Sommernachtstraum geriet zwar zu einem finanziellen Flop, aber er brachte dem Komponisten diverse Folgeaufträge ein und zwei «Oscars» obendrein. Ursprünglich hatte Korngold geplant, die Wintermonate jeweils in Los Angeles und den Sommer in Österreich zu verbringen. Als er im Januar 1938 wieder nach Hollywood aufbrach, ahnte er noch nicht, dass es ein Abschied für lange Jahre werden sollte, auch wenn er, wie Luzi Korngold festhielt, den «Kontrast zwischen Amerika, dem Land, in dem wir uns für einige Monate frei und sorglos bewegt haben, und dem teils unterirdisch, teils offen feindseligen Österreich» schon heftig zu spüren bekommen hatte. Mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen am 12. März 1938 aber war ihm die Rückkehr in die Heimat verschlossen.

«Aus Erich, dem heiteren Lebensbejaher, war ein Pessimist geworden», berichtet Luzi Korngold in ihren Erinnerungen. «Wann immer es seine Zeit zuliess, sass er vor dem Radio, hörte mit düsterer Miene die Nachrichten und sprach seine Befürchtungen nicht nur um Europa, sondern um die Welt aus.» Als der Krieg zu Ende und Hitler besiegt war, hoffte Korngold natürlich auf eine Rückkehr in sein altes Leben: «Nächsten Mai werde ich 50. Ich fühle, das ist ein Wendepunkt», stellte er 1946 fest. «Ich habe mich jetzt zu entscheiden, wenn ich nicht bis an mein Lebensende ein Hollywood-Komponist bleiben möchte.» Doch so einfach lagen die Dinge nicht. Obwohl er mit seinem Violinkonzert wieder einen Schritt zu seiner «eigentlichen Berufung» unternahm, liess sich die Uhr nicht mehr so leicht zurückdrehen.

Bei seiner ersten Rückkehr nach Wien musste sich Korngold 1949 nicht nur mit juristischen Verfahren zur Wiedererlangung seines Immobilienbesitzes herumschlagen. Er musste auch erleben, dass die Wiener Erstaufführung seiner letzten Oper Die Kathrin vor halbleerem Haus stattfand und eine schlechte Presse erntete. «Ich bin vergessen», stellte er resigniert fest. Und Luzi Korngold konstatierte: «Uns erfasste inmitten unserer Vaterstadt und in unserem eigenen Hause Sehnsucht nach Amerika.» Erich Wolfgang Korngold starb 1957 in Hollywood. Als seine Frau erfuhr, dass die Wiener Staatsoper aus diesem Anlass schwarze Trauerbeflaggung aufgezogen habe, soll sie erwidert haben: «Es kommt ein bisschen spät.»

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Am 5. September interpretiert Leonidas Kavakos bei LUCERNE FESTIVAL gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern und Andrés Orozco-Estrada Korngolds Violinkonzert.

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