«Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?» Franz Schubert und der «Titan» unter den Komponisten

Ludwig van Beethovens übermächtiger Schatten lastete schwer auf den nachfolgenden Komponistengenerationen. Johannes Brahms verglich Beethoven mit einem «Riesen», den er immer hinter sich marschieren höre. Robert Schumann glaubte, dass Beethovens Neunte einen historischen Endpunkt markiere, mit dem «Mass und Ziel» der Instrumentalmusik erschöpft seien, und auch Richard Wagner attestierte dieser Sinfonie einen Ausnahmerang: «Auf sie ist kein Fortschritt möglich.» Der erste aber, dem Beethoven schwer zusetzte, war ein Zeitgenosse: Franz Schubert. «Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?», fragte er, mit dem Unterton der Resignation, im September 1815 seinen Freund Josef von Spaun. 18 Jahre jung war Schubert damals, sein Leben lag eigentlich noch vor ihm – und doch schien er an seine Zukunft als Musiker nicht recht glauben zu wollen.

Neben Beethoven zu bestehen, war für Schubert tatsächlich schwierig. Denn Beethoven war keineswegs Vergangenheit, er hatte 1815 sein Œuvre auch noch längst nicht abgeschlossen – sein radikales Spätwerk sollte er überhaupt erst in Angriff nehmen. Schubert war zwar eine ganze Generation jünger als Beethoven, aber es war ihm nicht vergönnt, den Meister lange zu überleben: Nur anderthalb Jahre nach dessen Tod segnete auch er das Zeitliche. Schubert konnte zu Beethoven deshalb keinen Abstand gewinnen, er konnte zu ihm kein Verhältnis aus der Perspektive der Nachwelt aufbauen.

Erschwerend kam hinzu, dass Schubert so ganz anders war. Beethoven galt als Meister der grossen traditionsreichen Formen, der Sinfonie, des Streichquartetts, der Sonate. Schubert dagegen wurde fast nur als Miniaturist wahrgenommen, der Lieder und Ländler komponierte. Während die Musikwelt Beethoven als fortschrittlichen und heroischen Geist rühmte, der dem Schicksal «in den Rachen griff» und mit seiner Musik auch eine ethische und politische Mission verfolge, haftete Schubert die Aura des Biedermeierlichen an – seine Werke schienen allein für das Musizieren im trauten Heim und im Freundeskreis gedacht.

Schubert versuchte sich zunächst aus der Misere zu befreien, indem er auf Distanz zu Beethoven ging. Im Juni 1816, ein Jahr nach seinem verzweifelten Ausruf gegenüber Spaun, vermerkte er in seinem Tagebuch, sein kompositorisches Ideal sei Natürlichkeit – und eben nicht jene «Bizarrerie», die «einem unserer grössten deutschen Künstler beynahe allein zu verdanken ist». Auch wenn er Beethovens Namen hier nicht ausdrücklich nennt, so ist doch unstrittig, auf wen er anspielt, denn «Bizarrerie» war ein verbreiteter Vorwurf der damaligen Musikkritik gegen Beethoven. Dass Schubert im selben Jahr 1816 seine Fünfte Sinfonie komponierte, die mit ihrer kleinen Besetzung, lichten Klangwelt und anmutigen Melodik wie ein Gegenmodell zum sinfonischen Kosmos Beethovens erscheint, ist gewiss auch kein Zufall.

Doch auf Dauer konnte Schubert der Magie Beethovens nicht widerstehen. Wie sehr ihn die Auseinandersetzung beschäftigte, aber auch lähmte, zeigt die Tatsache, dass er zwischen 1818, nach Abschluss seiner Sechsten Sinfonie, und 1826, als er die Grosse C-Dur-Sinfonie vollendete, alle Gattungsbeiträge, die er begann, vorzeitig abbrach und nur als Fragmente hinterliess. Als 1822 seine Klaviervariationen über das französische Lied Le bon chevalier im Druck erschienen, liess er die Widmung aufs Titelblatt setzen: «Hrn. Ludwig van Beethoven / Zugeeignet von seinem Verehrer und Bewunderer / Franz Schubert.» 1824 versuchte er, mit der Komposition zweier gewichtiger Streichquartette (Rosamunde und Der Tod und das Mädchen) dem Vorbild Beethovens zu folgen: «Überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur grossen Sinfonie bahnen.» Und als er erfuhr, dass Beethoven eine «Akademie» mit seiner Neunten und Auszügen aus der Missa solemnis plane, notierte er: «Wenn Gott will, so bin auch ich gesonnen, künftiges Jahr ein ähnliches Concert zu geben.

Es sollte dazu nicht kommen. Nicht zuletzt, weil Schubert mit Widerständen der Veranstalter zu kämpfen hatte, etwa der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, die seine Grosse C-Dur-Sinfonie als zu lang und zu sperrig ablehnte. Ganz abgesehen davon, dass auch die Musikkritik seine neue Beethoven-Affinität beargwöhnte. Er scheine «Beethoven nachfliegen zu wollen und Ikarus’ warnendes Beispiel nicht zu beherzigen», hiess es schon 1820 in einer Rezension. Und als er seine Klaviersonaten D 845 und D 894 publizierte, wurde seine Beethoven-Nähe schon deshalb angeprangert, weil dieser Komponist doch unnachahmlich und singulär sei. Merkwürdig nur, dass damals noch niemand die Einzigartigkeit von Schuberts eigenem Personalstil registrierte …

Das Machtspiel zwischen Schubert und Beethoven blieb einseitig. Denn so sehr sich Schubert an seinem Idol rieb und abarbeitete, so wenig war das umgekehrt der Fall. Zwar lebten die beiden in derselben Stadt, begegneten sich dort auch zuweilen und kannten sich flüchtig, doch hat Beethoven seinen jüngeren Kollegen wohl nie als Künstler überhaupt auch nur zur Kenntnis genommen. Erst der Nachruhm konnte Schubert zur wahren Grösse verhelfen. Und ihm seinen Platz auf dem Olymp der Komponisten sichern: gleichberechtigt neben Beethoven.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Zweimal steht Franz Schubert in den verbleibenden Wochen des Sommer-Festivals 2019 noch auf dem Programm: Am 2. September dirigiert Zubin Mehta am Pult des Israel Philharmonic Orchestra Schuberts Fünfte Sinfonie, und am 12. September bringt das Esmé Quartett in der Reihe «Debut» das Streichquartett G-Dur D 887 zur Aufführung.

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