«Wie ein Gott». Franz Liszt oder Die Macht des Virtuosen über das Publikum

Der Starkult, der heute um einige Grössen der klassischen Musik betrieben wird, dürfte nichts sein im Vergleich zu dem, was Franz Liszt während seiner Reisejahre als Pianist erlebte. «Niemals wird ein gewöhnlicher Künstler es erreichen, einen derartigen Einfluss auf die Menge auszuüben», urteilte 1844 die Zeitung Le Corsaire. «Gestehen wir es ruhig: Dieser Mann hat etwas an sich, das die anderen nicht haben.» Tatsächlich: Bei Liszt paarte sich staunenerregende Virtuosität mit ausserordentlichem Charisma; sein gewandtes Auftreten und seine ungewöhnliche Erscheinung faszinierten das Publikum in ganz Europa. Liszt, der mit langen, wehenden Haaren, im enggeschnittenen Rock und weissen Glacéhandschuhen das Podium betrat; der während seines Spiels verzückte Blicke gen Himmel richtete oder seine teuflischen Tastenkünste mit dämonischen Bewegungen unterstrich – dieser Franz Liszt brachte die Konzertsäle zum Rasen. Er sorgte im Auditorium für spitze Schreie, Ohnmachtsanfälle und donnernden Applaus.

«Man raufte sich um ihn, man nahm ihm seine Handschuhe, man schnitt ihm Stücke von seiner Kleidung ab; er wagte schliesslich nicht mehr zu Fuss auszugehen. Wenn man ihn aber im Wagen erblickte, so spannte man ihm die Pferde aus und zog ihn selbst. Rausch und Tollheit rief er überall hervor», schilderte der Lütticher Bankier Charles Dubois das Phänomen. Als der Meister 1841/42 in Berlin gastierte und dort zwischen dem 27. Dezember und 3. März insgesamt 21 Konzerte gab, verfiel die ganze Stadt in Hysterie. «Man hat ihn fetiert, man hat ihm Serenaden gebracht, eine Dame ist vor ihm niedergekniet und hat ihn gebeten, seine Fingerspitzen küssen zu dürfen, – eine andere hat ihn im Konzertsaal publice umarmt, – eine dritte hat den Überrest aus seiner Teetasse in ihr Flacon gegossen, – Hunderte haben Handschuhe mit seinem Bild getragen, – viele haben den Verstand verloren», wusste die Hell’sche Abendzeitung zu berichten. Als Liszt nach neun Wochen Berlin wieder verliess, setzte man ihn in eine von sechs Schimmeln gezogene Kutsche und liess ihn von dreissig vierspännigen Wagen durch die Strassen begleiten, die von der jubelnden Volksmenge gesäumt waren.

Wie konnte es zu dieser Lisztomanie kommen? Zunächst einmal war Franz Liszt ein Pionier: Er war der erste Pianist, der ganze Konzerte allein am Flügel gestaltete und somit den Prototypus des Solorezitals schuf. Damit war er so erfolgreich, dass er bald riesige Säle mit bis zu 3.000 Besuchern füllen konnte. Und er war auch eine Art Gründervater der Konzerttournee. Mit der Postkutsche reiste er durch ganz Europa, von Gibraltar bis Glasgow, von Moskau bis Konstantinopel, und verschaffte sich damit internationalen Ruhm.

Freilich gelangen ihm seine Triumphe nur, weil er über eine sagenhafte Fingerfertigkeit und sensible Musikalität verfügt haben muss. Der Ehrentitel des «claviator maximus», den sein Schwiegersohn Hans von Bülow für ihn erfand, bringt es auf einen griffigen Nenner. Über Liszts Klavierspiel gerieten sie alle ins Schwärmen: Felix Mendelssohn bezeichnete ihn als «ein wahres Wunder», Hector Berlioz attestierte ihm «übernatürliche technische Fertigkeiten». Heinrich Heine schrieb 1841 aus Paris: «Ja, der Geniale ist wieder hier und gibt Konzerte, die einen Zauber üben, der ans Fabelhafte grenzt. […] Bei Liszt denkt man nicht mehr an die überwundene Schwierigkeit, das Klavier verschwindet, und es offenbart sich die Musik.» Selbst Robert Schumann, der ästhetisch für ganz andere Ideale stritt, räumte ein, dass ihm Liszt «alle Tage gewaltiger» vorkomme. Zwar spiele er «vieles anders als ich’s mir gedacht, aber immer genial, und mit einer Zartheit und Kühnheit im Gefühl». Kurzum: «Wir lieben ihn alle ganz unbändig und gestern hat er wieder in seinem Concert gespielt wie ein Gott, und das Furore war nicht zu beschreiben.»

Neben allen pianistischen Qualitäten muss Liszt die Gabe des perfekten Vom-Blatt-Spiels besessen haben, denn bei seinen vielen, langen Reisen blieb ihm kaum Zeit, neue Werke einzustudieren. Oft ging er von der Kutsche direkt in den Konzertsaal und spielte, ohne vorher überhaupt nur den Flügel ausprobiert zu haben. Noch Johannes Brahms bekam diese besondere Fähigkeit zu spüren, als er Liszt 1853 auf seinem Wohnsitz in der Weimarer Altenburg besuchte, sich vor Befangenheit aber ausserstande sah, seinem Gastgeber eigene Kompositionen vorzutragen. Liszt soll Brahms daraufhin das unleserlich notierte Manuskript der Ersten Klaviersonate abgenommen und aufs Pult gelegt haben, um das Werk sogleich anstandslos vorzutragen, wobei er es gleichzeitig auch noch kritisch zu kommentieren wusste …

Die Aura, die Franz Liszt umgab, wurde verstärkt durch zwei weitere Faktoren. Für seine Auftritte erhielt er stattliche Gagen, mit denen er ein reicher Mann hätte werden können; doch Liszt war spendabel und generös, er gab kostspielige Einladungen und pflegte einen luxuriösen Lebensstil. Dazu gehörten auch die zahlreichen Affären, die er unterhielt (oder die ihm angedichtet wurden) – sie waren Teil des Mysteriums, das ihn umgab. Aber Liszt verschaffte sich auch Respekt durch gute Gaben: Etwa die Hälfte seiner Einnahmen liess er wohltätigen Zwecken zukommen, förderte den Kölner Dombau und die Salzburger Mozartstiftung, spendete grosszügig für die Opfer eines Hamburger Brandes oder der Überschwemmungskatastrophen in Ungarn und finanzierte zu nicht unerheblichen Teilen das Bonner Beethoven-Denkmal und das Eisenacher Bach-Monument.
Doch eines Tages wurde es ihm alles zu viel. 1847, auf der Höhe seines Ruhms, beendete Liszt seine Virtuosenkarriere. «Bin ich denn ohne Gnade verdammt zu dem Geschäft des Possenreissers?», fragte er sich und klagte über das ewige «Wiederkäuen derselben Sachen». Liszt zog einen radikalen Schlussstrich. Und widmete sich fortan seiner Komponisten- und Dirigentenkarriere. Die Macht über das Publikum, die er besass, hatte längst zurückgeschlagen – sie war für ihn zu einer Geissel geworden.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Am 11. September spielt Evgeny Kissin Liszts Zweites Klavierkonzert. Und beim Piano-Festival, am 21. November, kombiniert Arcadi Volodos Werke von Liszt, etwa die h-Moll-Ballade, mit Schumanns «Kreisleriana»

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