Aus den Kerkern: Teodor Currentzis dirigiert Philippe Hersants «Tristia»

Teodor Currentzis und musicAeterna (Foto:
©Alexandra Muraviova)

Fast zwei Jahrzehnte musste Warlam Schalamow im sowjetischen Gulag verbringen. Auch der Dichter Ossip Mandelstam war inhaftiert – und überlebte das unmenschliche Lagersystem, wie so viele, nicht. Beide haben sie eindringlich ihre Erfahrungen geschildert: ihre Verzweiflung und ihre Einsamkeit, Hoffnungsschimmer und Ohnmacht. Ihre Texte, aber auch Gedichte heutiger Häftlinge hat der französische Komponist Philippe Hersant in Tristia vertont und zusammengeführt – im Auftrag von Teodor Currentzis, der Hersants ungewöhnliche Choroper am 2. April bei LUCERNE FESTIVAL dirigiert.

Am Anfang von Tristia stand ein kurzer Vokalzyklus: Für das Festival «Ombres et Lumières» in Clairvaux vertonte Philippe Hersant dreizehn Gedichte, die Insassen der dortigen Haftanstalt in einem Schreibworkshop verfasst hatten. Teodor Currentzis hörte den Zyklus und bat Hersant, ihn zum abendfüllenden Werk zu erweitern. Dabei regte er an, die französischen Gedichte mit Texten sowjetischer politischer Gefangener in einen Dialog treten zu lassen. Denn in Perm, wo Currentzis bis 2019 als Musikdirektor am Opernhaus wirkte und Tristia vor vier Jahren aus der Taufe hob, befindet sich das russlandweit einzige Museum, das an die Gräuel des sowjetischen Gulag-Systems erinnert – und seit einigen Jahren unter politischen Druck geraten ist.

Und so treten in Tristia neben die Gedichte von Clairvaux-Häftlingen wie Dumè (die korsische Kurzform für Dominik), der einen kleinen Vogel und mit ihm die Freiheit besingt, oder von Takezo, der seinen «nom de plume» einem Samurai des 17. Jahrhunderts verdankt und den Gefängnisalltag in knappen Haikus verdichtet, berühmte Texte von Ossip Mandelstam, Warlam Schalamow und anderen. «Ich selbst habe an den Schreibworkshops in Clairvaux teilgenommen und diejenigen Häftlinge, deren Gedichte ich vertont habe, persönlich kennengelernt», erzählt Hersant. «Sie allesamt waren verurteilte Straftäter, aber als meine anfänglichen Bedenken verschwanden (denn ich glaube, dass niemand das spontane Verlangen hat, mit der Welt hinter Gittern konfrontiert zu werden), wurde mir klar, dass mir diese Begegnungen sehr viel gaben und mich dazu brachten, mir Fragen zu stellen, die mir nie zuvor in den Sinn gekommen waren.»

Die Herausforderung habe darin bestanden, der «Abfolge individueller Gedichte eine kohärente Dramaturgie zu verleihen», so Hersant. «Und doch sind die beiden Teile, der französische und der russische, keine völlig getrennten Einheiten. Es gibt viele Gemeinsamkeiten und subtile Entsprechungen zwischen den Themen, die in ihnen angesprochen werden. […] Dieses Projekt ist eines der schönsten, die mir jemals angeboten wurden. Ich bin froh, dass die Worte der Häftlinge, die ich in Clairvaux getroffen habe, derart weit reichen, Tausende von Kilometern weit – und sich mit denen russischer Gefangener mischen, die ich lediglich durch die grossartigen Gedichte kenne, die sie geschrieben haben. Ich glaube, dass die Poesie für all diese Männer und Frauen eine rettende Kraft besass.»

Weil er den «intimen Charakter» des ursprünglichen Vokalzyklus auch in Tristia bewahren wollte, verzichtete Philippe Hersant auf eine grosse Orchesterbesetzung. Stattdessen ergänzte er den äusserst variabel eingesetzten Chor – dessen Sängerinnen und Sänger auch einmal solistisch agieren – um ein kleines, aber feines Instrumentalensemble. Cello und Fagott gesellen sich als musikalische Akteure zu den Texten. Aber auch Mundharmonika, Akkordeon oder die armenische Duduk kommen zum Einsatz. Entstanden ist ein ebenso berührendes wie originelles Werk: eine lose Szenenfolge in sechs «Höllenkreisen» (so Hersant in Anspielung auf Dantes Göttliche Komödie), die von der Einsamkeit und Trauer der Gefangenen handelt, aber auch von Hoffnung, Spiritualität und ihrer Sehnsucht nach Freiheit. Und die musikalisch ganz unterschiedliche Einflüsse verbindet: Klassik und Volksmusikalisches, Altes und Neues.

Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

TRISTIA
Donnerstag, 2. April 2020
19.30 Uhr | KKL Luzern, Konzertsaal

musicAeterna (Vitaly Polonsky Einstudierung)
Solisten des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA
Teodor Currentzis Dirigent
Mikhail Meylach Sprecher

Philippe Hersant (*1948)
Tristia. Choroper für gemischten Chor und Instrumentalensemble

 

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